Albanien – bis in den Orbit

01.08.2017

Wenn man eine Rundreise durch Albanien macht, gehört ein Besuch in Tirana auf jeden Fall dazu. Unten in den Strassen der lebendigen Hauptstadt spielt das Leben über 600’000 Menschen, oben im Dajti Nationalpark öffnet sich die Perspektive über die dicht bebauten Siedlungen weit hinaus ins Gebirge vor der Adria. In Albanien fliegt ungefähr ein Duzend einheimischer Piloten, in Tirana selbst sind wir meistens alleine. Der kleine Startplatz in einer Lichtung umgeben von Büschen mag ein Grund dafür sein. “Das ist abenteuerlich, aber die Plätze werden garantiert besser”, versprechen wir unseren Pilotinnen und Piloten vorsichtshalber vor der Bergfahrt. Voller Tatendrang steigen wir in die Doppelmayr Gondelbahn und werden nach unspektakulären Starts mit superfeinen Flugbedingungen belohnt. Die imposanten Felsformationen und der angrenzende Stadtrand produzieren reichlich Thermik. Man fühlt sich wie ein Kind im Süsswarenladen und möchte gleich da, da und da auch noch aufdrehen, weil es so schön ist und man überall Schirme steigen sieht. Welch fotogene Szenerie!

Der nächste Augenschmaus gibts gleich am Abend. Wir fahren ans Meer, über Stock und Stein auf einen perfekten Weststart und blinzeln der sich im glatten Wasser spiegelnden Sonne entgegen. Die Kulisse ist derart kitschig, dass zwei lokale Fernsehstars mit dem Tandem an die Küste geflogen werden. Nicht ohne grosses Tamtam mit Kamera, Mikrofon und grossem Gefolge. Wir beobachten amüsiert die uns vielleicht etwas fremde Mentalität und geniessen danach unseren “Sundowner” zur Beachbar. Stilecht lassen wir den Tag mit frischem Fisch an einer Tafel direkt über dem Wasser ausklingen.

Die Startplätze am Meer sind dank der im vergangenen Mai ausgetragenen WM im Präzisionslanden perfekt ausgebaut. Die Accuracy Wettkämpfe sind dort seit Jahren im Trend. Sie sollen für die Balkanländer das Sprungbrett in die Gleitschirmszene und Wegbereiter für den Tourismus sein. Uns ist die Landung vorerst eher egal. Aufdrehen und die Küstengebiete erkunden ist das Ziel. Wie so oft, ist gutes Timing beim Startzeitpunkt gefragt. Es entscheidet, ob man einen “heissen” oder eher kühlen Beachtag erlebt. Alles war dabei, sogar bisher unerreichte Flughöhen von über 2500m.

Die Wetterstationen sind in Albanien deutlich weniger dicht gesät wie bei uns zu Hause, so können auch die besten Rechenmodelle locker mal danebenliegen. Solche Tage sind eine Steilvorlage für eine typische Andy Aktion. Statt sich hoffnungsvoll oder zweckoptimistisch dem Parawaiting hinzugeben, schweifen unsere Blicke an die höhere Kante etwas südlich von unserem Startplatz im Seitenwind. Sie steht genau in Windrichtung und ist schätzungsweise bloss kniehoch bewachsen. Mit mehr oder weniger Diesel im Tank starten wir die Suche nach einem Weg, ehe erst ein Hike & Fly von bestimmt mehr als einer Stunde bei gefühlt 40 Grad ohne Schatten verworfen wird und anschliessend die Tauglichkeit unserer Autos getestet wird. Der grosse FlywithAndy Bus voraus, gefolgt von den 4×4 VWs mit dem begeisterten Albanischen Fahrer Bruno. Für einen Quad wäre die Strasse perfekt, für unsere Autos bis zu einem gewissen Punkt auch. Danach siegt die Vernunft, wir gehen die letzten Meter per Pedes und finden ideale Plätze mit perfektem Aufwind. Zack-zack sind alle in der Luft, soaren freudig der Kante entlang und machen sich häppchenweise auf den Weg rund um die Kante zum offiziellen Landeplatz am Beach. Der Point of no return ist diesmal leicht brisant, da das Gelände unterwegs quasi ohne freie Flächen ins Wasser abfällt. Genug Stoff, um beim Landebier oder am nächsten Stammtisch noch davon zu erzählen.

Mit Zwischenhalt an einem wunderschönen Restaurant, wo die Terrasse von kleinen Wasserfällen umgarnt wird, erreichen wir Gjirokaster. Der Thermikofen des Landes macht seinem Ruf wieder alle Ehre und bringt uns in ungeahnte Höhen. Funksprüche aus über 3500m (bei einer Talsohle von etwas über 200m!) erreichen sogar die parallel fliegenden “FlywithAndy-Mazedonier” in Ohrid. Aus dieser Höhe wähnt man sich über einer Mondlandschaft ohne Landung in Sicht. Die “Jura-Gang”, Barbara, Jonas sowie Anne und Simon mit den neuen Schirmen machen sich auf den Weg, das Potenzial der selten beflogenen aber überaus ergiebigen Region mal auszuloten. Raus kommt der Gebietsrekord von Fabian, dicht gefolgt von Sämi und Dominik. 100 Punkte dank einem Dreieck über den Pass im Norden, der Grenze zu Griechenland im Süden und der Talquerung zum Weltkulturerbeort im Westen. Nach der Landung beim stillgelegten Flughafen ein paar Meter zu Fuss in die Bar, wo unser Fahrer Bruno die kühle Erfrischung bereits bestellt hat.

Der Höhenrausch wird am nächsten Tag tatsächlich noch überboten. Wir machen einen Ausflug nach Griechenland, ins hellenische Pendant von Gjirokaster. Google berechnet eine gute Stunde Fahrt, mit Grenzübergang warens dann knapp zwei. Die Entschädigung folgte alsbald: Wieder eröffnen die “jungen Wilden” die scheinbar grenzenlose Kurblerei in den blauen Himmel. Diesmal leuchtet sogar die 4000 auf einigen Varios auf. Deutlich zu kalt für Sämi, der aus dem Orbit eine knappe Stunde einfach ausgleitet. Fabian kommt zur Toplandung, welche Dominik und Jonas durch zu starke thermische Ablösungen verwehrt blieb. Kein Wunder, dann wird eben geflogen und zwar stundenlang bis die Sonne untergeht. Die lokalen Piloten erfreuen sich über die vielen unerwarteten Fluggspändli, wir kommen bestimmt wieder.

Das gilt für unsere gesamte Rundreise durch Albanien: 6 Tage Fliegen total von der Hauptstadt über die Küste bis ins Landesinnere. Von diesen absoluten Höhenflügen und anderen Geschichten werden wir noch lange erzählen.

Text: Ramona Fischer
Bilder: Ramona Fischer, Jonas Heidenfelder

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