Climb & Fly Piz Bernina

08.07.2018

Eine der schönsten Grattouren der Alpen. Eine echte Himmelsleiter. Ein großer Klassiker der Alpen. Gar DER Klassiker?

Zumindest der östlichste Viertausender im Alpenraum. Eis- und Firngrat gepaart mit leichter, abwechslungsreicher Gratkletterei.
 
Der Biancograt.
 
Eine lange und anstrengende Tour, 1500 Höhenmeter ab der Tschierva Hütte. Zu der nimmt man wohl am besten die Kutsche, spart sich einige Kilometer Talspaziergang und etwa 1,5 Stunden Zeit, bevor man sanft ansteigend auf gut markiertem Weg in Richtung der auf 2583m gelegenen Hütte aufsteigt.
Selbige wird von einem ausgesprochen netten Team bewirtschaftet. Extrawünsche sind kein Problem, spätes Eintreffen am Abend kein Problem - Essen gibt es immer noch, freundlich, entspannt und lecker.
 
Die Hütte ist hochmodern, 1951 erbaut, 2002 aufwändig und hochwertig renoviert mit Platz für 100 Bergsteiger - und nicht selten restlos ausgebucht.
 
Wir haben Glück an einem Freitag Ende Juni. Die Hauptsaison ist noch nicht angelaufen. Nur 25 Grat- und Gipfel Aspiranten.
Also keine Hektik am Morgen. Um 3 Uhr gibt es Frühstück. Das Weltklasse Birchermüsli tröstet ein wenig hinweg über die kurze Nacht. Eine halbe Stunde später laufen wir los. Eine klare milde Nacht, hell erleuchtet vom fast noch vollen Mond.

Der Zustieg ist anfangs noch recht offensichtlich. Ein paar Reflektoren und Markierungen, Eisentritte und Ketten weisen den Weg, der nach einem Felssturz vor einiger Zeit nun etwas weiter links verläuft. Nicht zu verfehlen und in Wanderwegmarnier. Echter Luxus so mitten in der Nacht. Am Schluss geht es ein kurzes Stück über besten Trittfirn hinauf zum Grat, hinauf in die Sonne, ins Licht, in die Wärme. Sonnenaufgang in allerschönstem Ambiente. Mild ist es immer noch und nur ein leichtes Lüftchen weht aus Nordwest. Ein paar Minuten genießen, ein Schluck Tee, ein paar Nüsse mit Blick auf den Grat, auf die nächsten paar hundert Meter Fels.


 
Es läuft und klettert sich herrlich leicht, trotz Fluggepäck auf dem Rücken. Ein paar mal Hinaufziehen an verschwenderisch großen Henkeln, ein paar Mal antreten mit Bergschuhen, schon sind wir am Beginn des Firngrates. DES Firngrates. Wie gemalt zieht er empor auf den Nordgipfel des Bernina, den Piz Bianco, 3995m. Fast zu schön. Wir wechseln auf Steigeisen, packen den Pickel aus und marschieren weiter. In perfektem Trittschnee, nie steiler als 50 Grat, immer beeindruckend in bestem Panorama. Ein wenig Wind - noch aus der falschen Richtung, aber das wird noch.
Ein paar Meter sind es ja noch bis zum Hauptgipfel.
Wolken ziehen auf, um uns herum wird es grau, an den wenigen Abseilstellen tummeln sich die Seilschaften. Ein bisschen warten, anstellen, vorbeischleichen, überholen. Immer wieder ein paar Meter rauf und runter über Fels- und Firnpassagen bis hin zum Gipfel.



Hier, auf 4049m kommt auch wieder die Sonne raus. Pünktlich zur Brotzeit. Der Wind lässt nach und die Gedanken an den Abstieg, den Abflug machen sich breit.
Ein Startplatz ist noch nicht in Sicht, aber noch fehlen auch ein paar Meter bergab. Abseilstellen, Seilschaftschaos, nun auch von entgegenkommenden Bergsteigern.
Ein paar Meter noch durch eine steilere Firnflanke, dann sind wir unten. Der Biancograt liegt hinter uns. Die Marco-e-Rosa Hütte liegt vor uns und nimmt die meisten Mitläufer auf.
 
Wir hingegen biegen direkt nach links ab. Die Suche nach einem geeigneten Startplatz hat begonnen.
Eigentlich wollten wir weiter Richtung Bellavista. Das jedoch würde mindestens eine weitere Stunde laufen und den Verlust einiger Höhenmeter bedeuten.
Angesichts der schnell hinaufziehenden Wolken und der Distanz bis nach Morteratsch entscheiden wir uns für einen semioptimalen Startplatz. Der Wind kommt mit 90 Grad von der Seite, pfeift über einen steilen scharfen Kamm hinweg.
 
Der Bergführer-Starthelfer macht das ganze deutlich einfacher. Schirm halten, gut zureden, ein, zwei Versuche und es geht in die Luft. In knapp 4000m Höhe gleiten wir hinaus, hinter uns der Piz Bernina, auf dem wir eben noch saßen, rechts von uns der Piz Palü. Unter uns vereinzelte Bergsteiger die Schritt für Schritt ihre Spuren durch die Gletscherlandschaft ziehen.



Ein leichtes Grinsen huscht übers Gesicht beim Gedanken an den langen Abstieg, den die anderen vor sich haben und den wir so komfortabel umgehen.
Bleibt Zeit die Aussicht zu genießen. Es gleitet ruhig vor sich hin, mit den unterschiedlichsten Schirmen fliegen wir über den Morteratsch Gletscher, vorbei an der Boval Hütte links und der Diavolezza Bergstation rechts weiter Richtung Morteratsch Bahnstation.

Der Talwind ist massiv um diese Tageszeit. Es ist etwa 14 Uhr, der Wind pfeift aus West. Weiter hinten im Tal wäre es wohl entspannter zu landen - aber der Fußmarsch. Wir fliegen raus, suchen uns kleinere und größere Landewiesen und sind am Boden. Eine halbe Stunde Panoramaflug statt vieler Stunden des Bergablaufens. Durch die Luft Gleiten nach einer wunderschönen Grattour ohne schmerzende Knie und müde Beine.

Die schönste Form des Bergsteigens.

Text und Fotos: Dominik Bartenschlager

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