Der Frühling startet in Süditalien

28.02.2016

Die top Winterfluggebiete San Donato und Monte Matese tauchen immer öfter im xcontest auf und trotzdem gehören die Gebirge im Süden Italiens noch zur Kategorie „Geheimtipp“. Die Natur präsentiert sich wunderschön ursprünglich, die Strassen sind holprig und der Verkehr abenteuerlich. Die vielen Südwesthänge sind wie gemacht für unterbeflogene europäische Winterpiloten. Bei besten Frühlingsbedingungen mit kräftigen Thermiken haben wir die Flugsasion 2016 so richtig lanciert. Sehr vielfältige Streckenflugmöglichkeiten entlang der Kreten und breiten Tälern Kampaniens lassen unsere Herzen höher schlagen.

Nicht nur der Emmentaler-Fraktion, die zum zweiten Mal in Süditalien dabei ist, gefällt der Startplatz direkt oberhalb unseres Agriturismos am besten. Eine flotte Fahrt und gefühlt fünfzig Haarnadelkurven später stehen wir auf einer idealen Wiese, die im Vergleich mit vielen anderen Plätzen in dieser Region nicht vom typischen Kalkstein übersät ist. Als erstes ziehen alle sofort eine dicke Jacke an, denn der gute Temperaturgradient ist spürbar. Der Windspion flattert spielerisch im Wind, die thermischen Ablösungen riechen stark nach Frühling und die Ohren ausgelegter Schirme können den Start in die neue Saison kaum erwarten. Angeführt von einer Handvoll lokaler Piloten zeichnen wir zick-zack Linien entlang des Gebirges und machen spannende Ausflüge ins Flache. Besonders Karl, Ritschi, Marco und Nik lassen es sich nicht nehmen, mal ganz neue Routen auzutesten. Frühstarter Thomas soart an Wolkenrändern hoch und geniesst eine Zeit lang den Luftraum ganz für sich alleine.

Die feucht-labile Luft wird uns bei einem Abstecher ins „Hinterland“ zum Verhängnis. Navigiert von lokalen Toppiloten fahren wir tief hinein in die über 2000 Meter hohen Berge. Die Fahrt führt durch unberührte Wälder, vorbei an abgelegenen Häusern, Farmen und einem schönen Stausee. Weder Hangsicherungsbaustellen, noch mit Bäumen oder Schnee bedeckte Strassen halten uns auf. Doch das letzte Wort hat das Wetter. Beim ersten Startplatz bläst der Wind zu stark, beim zweiten etwas weiter unten stimmt die Richtung nicht ganz, also nehmen wir mit einem kleinen Marsch den dritten Hang ins Visier. Dort werden wir Zeugen eines faszinierenden Schauspiels von auf- und abbauenden Wolken im Einklang mit wechselndem Auf- und Rückenwind. Leider schmiegt sich die Nebelbank immer mehr an den Hang, so dass es bei einem einzigen Start bleibt. Dennoch geniessen alle die vielen Sonnenstunden und guten Gespräche über den Wolken.

Das berühmte San Donato im Valcomino ist der „place to be“ für hungrige Streckenjäger. Wo kann man sonst bereits im Februar mal eben 50, 70 oder gar 100 Kilometer fliegen? Bereits bei der Anfahrt ins Tal hinein wird einem das enorme Potenzial dieser Region bewusst. Wo andere Gebiete schneebedeckt oder einfach noch winterlich stabil sind, zeigt sich hier die Thermik bereits von seiner frühlingshaften, knackigen Seite. Allerdings gibt es das Ganze nicht umsonst. Der beste Startplatz erreicht man nur zu Fuss, nach einer etwa 30 minütigen Wanderung. Die jungen Sportler Michi, Fabian und Thomas nehmen das als kleines Frühstück, aber auch Marco, Nik, Karl und Christoph scheuen keine Mühen und gar Pit, Pesche und Fritz lassen sich nicht abschrecken und meistern die 200-300 Höhenmeter mit einem Lächeln im Gesicht. Die Belohnung ist umso schöner; ein erhabener Platz über dem saftig grünen Valcomino, das mit kleinen Dörfchen durchsetzt eine prächtige Szenerie bietet. Ein sanfter Aufwind lässt das Starten zur wahren Freude werden. Mit dicken Handschuhen und eingepackt in vielschichtige Bekleidung geht es ab an die Basis. Nach Belieben verteilen sich die farbigen Punkte soweit das Auge reicht und alle geniessen das Kurbeln nach Herzenslust. Einige Stunden später schweben nach und nach überglückliche Piloten auf der riesigen Landewiese ein und setzten das Geschichteerzählen in einer kleinen Bar in San Donato, dem schmucken Dorf aus massiven Steinhäusern und engen Gassen am Hangfuss, fort.

Die mittelprächtige Wetterentwicklung ermöglicht uns, weitere Highlights Süditaliens zu entdecken. Einerseits offenbart uns eine Führung in die Untergrundstadt Napolis (sotteranea) faszinierende Baukunst und Geschichte zum anfassen. Überirdisch schlendern wir durch die bunten Strassen der Hafenstadt und geniessen Cafe, Dolci und Aperol Spritz. Für einen Teil der Gruppe organisieren wir dank unserem befreundeten Rom-Kenner und Ex-Gardisten Michel Kopp eine Tour durch die Hauptstadt und wohl schönste Stadt Italiens, kombiniert mit einer einzigartigen backstage Führung durch den Vatikan. Es wird gemunkelt, dass die Nacht in Rom etwas kürzer ausgefallen sei; die Jungs schweigen und geniessen. Der Rest der Gruppe macht sich zu einer Rekotour in Salerno auf. Weiter im Süden sollte es theoretisch möglich sein, einen Soaringspot zu finden, die Front war aber doch etwas ausgedehnter als gedacht. Also schlendern wir gemütlich zu Fuss entlang der Küste und machen die Heimfahrt zum Abenteuer. Auf halbem Weg entdeckt Andy einen idealen, langgezogenen Berg mit anstehendem Wind. Navigator Fabian findet sofort eine Strasse auf den Berg und los geht die Erkungungsreise. Karl übernimmt im perfekten Italienisch die Passantenbefragung und so kommen wir schliesslich, nicht ohne Verfahren auf schlammigen Abwegen, einem Startplatz sehr nahe. Zum Pionierflug reicht es nicht mehr, der Ausflug bleibt trotzdem in bester Erinnerung.

Zurück „zu Hause“ werden wir wie jeden Abend mit einem vorzüglichen vier Gänge Menü verwöhnt. Hausgemachte Pasta, Risotto, Fleisch- und Käsespezialitäten werden jeweils gekrönt von Tiramisu, Panna cotta und Co. Für das perfekte leibliche Wohl sorgt schliesslich bester Cafe coretto. So gelingt für eine Woche die Entführung in den mediterranen Frühlingsanfang, der seine Fortsetzung hoffentlich bald auch etwas weiter nördlich findet.

Text und Bilder: Ramona Fischer

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