Disentis - Alpenthermik und XC-Fliegen

07.09.2018

Disentis – wir kommen wieder!

Bericht: Urs Bumbacher
Fotos: Martin Scheel

Erstes Alpin XC-Camp mit Martin Scheel und Ramona Fischer


Am Mittwoch, den 15. August, trafen sich vierzehn erwartungsfrohe Pilotinnen und Piloten in Disentis zum ersten Alpin XC-Camp, um sich während 5 Tagen von Martin Scheel alias „Scheeli“ in die Geheimnisse des Streckenfliegens und in die traumhaft schöne Bergwelt von Disentis einführen zu lassen. Mit von der Partie war auch Ramona Fischer von Andy Flühlers Flugreisen, die dafür sorgte, dass das Camp auch organisatorisch in perfekter Manier ablief.

Der erste Kurstag begann mit einem Meteobriefing, welches in dieser Ausführlichkeit und Professionalität für viele Teilnehmende Neuland war. Kurz darauf ging es dann auf die Alp Gendusas (im XC-Contest als Lai Alv bezeichnet) zur ersten Stunde der Wahrheit: Auf der einen Seite der ehrgeizige und zielstrebige Trainer der Schweizer Gleitschirmwettkampf-Elite, auf der andern ein bunt zusammengewürfelter Haufen von flugbegeisterten Freizeitpilot(inn)en, bestehend aus ehrgeizigen Jungpiloten, mittelalterlichen Hike & Flyers, gestandenen Streckenfliegern und eher defensiv fliegenden Flugsenioren. Sogar ein versierter Streckenflieger aus dem mitteldeutschen Tiefgebirge (höchste Erhebung 180 Meter) fand den langen Weg nach Disentis und zeigte allen, dass vom Windenschlepp gehärtete Flachlandpiloten ohne weiteres mit ihren alpinen Kollegen mithalten konnten. Ähnlich kunterbunt sah die Lage bei den Schirmen aus, wo von leichtgebauten A-Flügeln bis zu hochgezüchteten C-Rennern alles vertreten war, was Amateurpiloten hierzulande so an den Startplatz schleppten. Kurzum, Scheeli sah sich mit einer ausgesprochen spannenden und herausfordernden Ausgangslage konfrontiert. Dabei zeigten schon die ersten Starts, dass noch nicht alle Teilnehmenden ihre Starttechnik voll perfektioniert hatten. Interessanterweise gehörten aber auch Martins Starts der eher unkonventionelleren Art an, basierten sie doch vermutlich noch auf einer Technik aus den Anfängen des Rückwärtsstartens (Jahr 1989?).

Praktisch alle Piloten schafften es früher oder später an die Wolkenbasis. Nicht alle davon hatten allerdings die gestellte Streckenflugaufgabe noch genau im Kopf. Zudem führten unterschiedliche Schirmkategorien bei den längeren Querungen zu beträchtlichen Unterschieden in der Ankunftshöhe, was in Anbetracht der stabilen Schichtung in den tieferen Lagen die Streckenflugaufgabe zusätzlich erschwerte. Scheeli selbst war dabei überall anzutreffen: Mit seinem Rennflügel erkundete er weiträumig Gelände und Thermik, fotografierte bzw. kommentierte die Höhenflieger auf 2‘800 Metern, spiralte mit eingeklapptem äusserem Ohr (tiefere G-Kräfte!) zu den Tieffliegern runter, funkte ihnen mögliche Aufstiegslinien zu und kämpfte sich dann wieder zur Wolkenbasis hoch. Am Abend folgte dann der erste Teil der Streckenflugtheorie sowie ein Debriefing, welches all die verschiedenen Eindrücke und Erlebnisse des ersten Flugtages zu verarbeiten suchte.

Auch der Donnerstagmorgen begann, wie alle weiteren Kurstage, mit einem ausführlichen und spannenden Wetter- und Streckenbriefing, welches den angehenden Streckenfliegern einen Wust an neuen Erkenntnissen und Einsichten – insbesondere auch in die neue SHV-Meteo-Website -- bot. Da mit einem tollen Flugtag gerechnet werden durfte, wurde ein FAI-Dreieck von rund 50 km angesagt, und zwar zuerst in Richtung Oberalppass, dann das Tal hinunter nach Brigels, zurück nach Disentis und zu guter Letzt über eine Lee-Stelle hinaus zum Piz Muraun, mit abschliessenden Fototermin hoch über den Gletschern rund um die Fuorcla da Vallesa. Das Gruppenfliegen gelang an diesem zweiten Tag schon wesentlich besser, wobei es aber dem einen oder anderen schwerfiel, geduldig an der Wolkenbasis zu warten, bis alle übrigen Piloten oben angekommen waren. Als Belohnung für die Warterei auf rund 3‘000 Metern gab es dafür aber dann freie Sicht auf eine absolut spektakuläre Gebirgs- und Gletscherkulisse, wie man sie so selten irgendwo zu sehen kriegt. Dank der erfreulich guten Bedingungen und der verinnerlichten Streckenflug-Theorie gelang es den meisten Kursteilnehmenden, das FAI-Dreieck mehr oder weniger komplett abzufliegen, ja sogar eigene Rekorde zu brechen. Nur zum Fototermin hoch über den Gletschern schaffte es bloss noch ein Pilot. Nach der Landung gab es wiederum einen spannenden und lehrreichen Theorieteil, der vieles behandelte, was man den Tag hindurch in der Luft erlebt hatte.

Leider begrüsste der Freitagmorgen die Gruppe mit der Prognose auf eine tiefere Wolkenbasis, zügigere Wolkenbildung, Überentwicklungen und zunehmend mehr Regenzellen. Angepasst an diese Wettersituation formulierte Scheeli als Tagesaufgabe das Üben des wolkennahen Fliegens und stellte die Frage in den Mittelpunkt, wie nahe man an Wolken heran fliegen konnte und sollte. Dabei galt es herauszufinden, welche Wolken besonders stark sogen und welche nicht, aber auch welche Fluchtwege offen standen und was im schlimmsten Fall zu tun wäre, wenn man in eine Wolke eingesogen würde. Überhaupt bestand ein wichtiges Lernziel des ganzen Camps darin, die Piloten an Orte und Situationen heranzuführen, die sie von sich aus wohl eher meiden würden, die aber für einen erfolgreichen Streckenflug nicht zu umgehen waren (abschreckende Geländeformationen, Wolken, Leethermiken).

Für den Samstag sahen die Prognosen für Graubünden zwar fliegbar, aber insgesamt wenig ergiebig aus, während auf der anderen Seite der Alpen das Tessin mit sehr guten Aussichten lockte. Der grössere Teil der Gruppe reiste deshalb mit Martin für einen Tag nach Locarno, um die Gegend rund um die Cimetta fliegerisch zu erkunden (TMA nicht aktiv). Die Bedingungen im Tessin erlaubten denn auch einen wunderschönen Dreiecksflug, gepaart mit einem recht intensiven Coaching für all diejenigen Piloten, die sich in nicht sonderlich vertrauenserweckendes Fluggelände verirrt hatten. Die Disentis-Fraktion testete demgegenüber die neuerworbenen Fähigkeiten des wolkennahen Fliegens aus, wobei der eine oder andere dann gerade auch noch die Techniken zum schnellen Verlassen der weiss-grauen Ungetüme anwenden musste.

Am Sonntagmorgen, dem letzten Tag des Camps, machten sich dann so langsam die ersten Anzeichen von Erschöpfung bemerkbar. Die vielen, teilweise anspruchsvollen Flugstunden aber auch die lange Reise ins Tessin am Vortag forderten ihren Tribut. Dazu war die Wettersituation auch wenig begeisternd: Der feuchte Boden auf Grund von Regen in der Nacht verzögerte das Einsetzen der Thermik, während die Feuchtigkeit in der Luft Überentwicklungen begünstigte. So gab Martin zwar provisorisch eine Aufgabe aus, doch war allen rasch klar, dass es in der kurzen, verbleibenden Flugzeit wohl in erster Linie darum gehen musste, den sich überall auftürmenden Wolken zu entfliehen. Nach erfolgreicher Landung sah man dann in den Gesichtern der Piloten Erschöpfung und Erleichterung, aber auch viel Begeisterung über die vergangenen fünf lehrreichen Tage. So stand dann auch das Debriefing im Zeichen der Rekapitulation und kritischen Würdigung des gelungenen Camps. Während Scheeli wohl bis zuletzt nicht restlos überzeugt war vom fliegerischen Können und der Risikobereitschaft dieser Gruppe von Amateurpiloten, so war er auf der anderen Seite doch verblüfft über deren Lernbegierigkeit und Wissensdurst. Auf jedem Fall gebührt ihm wie auch Ramona ein ganz herzlicher Dank für diese erfolgreiche Premiere!

« zurück
© Developed by CommerceLab