Expedition Sertao - Windenfliegen vom Feinsten

09.12.2016

Bereits zum vierten Mal starteten wir dieses Jahr wieder unsere Schleppexpedition durch den brasilianischen Nordosten. Nach wie vor bietet diese Tour auch für uns jedes Jahr wieder Überraschungen und Unvorhersehbares; auf mittlerweile bekannter Route fallen frühere Flugplätze zum Schleppen weg, dafür tun sich neue Möglichkeiten auf. Auch wenn wir uns stets von Caruaru in Pernambuco die rund 1100 km bis nach Floriano am Rande des Piaui bewegen, hat die Tour jedes Jahr ihren eigenen Charakter – im Sertao bleibt es immer spannend!

Eine abenteuer- und streckenflugbegeisterte Truppe traf sich in Caruaru zum ersten großen Bekanntmachen; wir starteten mit der Routen- und Ablaufplanung und komplettierten alle sonstigen organisatorischen Details, so dass es am nächsten Tag nach einstündiger Fahrt gen Westen sofort los ging auf dem ersten Airport in Pesqueira. Dort gab es für alle Schlepp-Neulinge nochmals eine technische Einweisung zum Start am Seil und danach waren unsere drei Abrollwinden, Schleppteams, Startleiter und Rückholer voll im Einsatz. In zwei Pilotengruppen aufgeteilt, war ein schneller Umlauf möglich und immer jemand zum Einhängen am Seil parat; mit schmunzelndem Gedanken an Felix Wölks legendäre Sertao-Story vom ersten Jahr startete die Gruppe „Cumulus“ und die Gruppe „Kaktus“…

Während einige den Tag nutzten, um mit Startmethode, Thermikeinstieg und dem Flachland generell warm zu werden, zogen andere sogleich los, um ihre ersten Kilometer zurückzulegen und segelten zum Teil erfolgreich die rund 130 km zum Zielort Custódia. Von dort ging es per Auto wieder ein Stück zurück; wir verließen unsere bekannte Route für einen kleinen Abstecher nach Norden und bezogen im Städtchen Monteiro Quartier, was als Ausgangspunkt zu der, für den nächsten Tag angesagten ostnordöstlichen Windrichtung besser passen sollte.

Nach dem Frühstück und der allmorgendlichen Suche nach einer weißen Wand für die Wetter- und Routenbesprechung mittels Beamer, ging es sogleich auf die Asphaltpiste hinter der Stadt. Es dauerte nicht lange und die ersten kleinen Wolken standen am Himmel; im Zusammenhang mit dem angesagten 25-30er Wind in der Höhe ein potenter Streckentag. Unser Flachland-Routinier und Wiederholungstäter Peter Hilger bewies wieder einmal erfolgreich seine Geduld und sein Können und stieg als erster souverän weg. Team Glarner Land, die dieses Jahr zu viert antraten, Joshi, Stöff, Marc und Michi, genossen nach der vorherigen Woche Quixadá das völlig relaxte und stressfreie Starten an der Winde und waren gut und motiviert unterwegs; auch Reto, Hansjürg und Markus knüpften an den Vortag an, drehten zügig vom Airport weg und gaben Gas. Während die Bodencrew von Eiswürfeln träumte, wurde aus der Luft von Basis- und Flughöhen von über 4000 m und ersten Erfrierungs-Anzeichen berichtet.
Gut die Hälfte der gesamten Truppe flog den Tag von Monteiro über Custódia die rund 140 km bis nach Serra Talhada; Markus und Reto näherten sich dem Tagesziel Salgueiro und erreichten 180-200 km Marken. Peter ließ es richtig krachen und landete erst nach 300 km wieder! Seine gewonnene Tageswertung im XContest eröffnete sicher eine Diskussion darüber, wo wohl Monteiro sei – wir wussten es ja vorher auch nicht….

Die zwei folgenden Tage verbrachten wir in Arcoverde und schleppten auf der luxuriös langen 1, 3 km-Asphaltpiste. Beide Tage präsentierte sich der Himmel auf dem ersten Streckenstück komplett blau, was die meisten trotzdem nicht daran hinderte, sich erfolgreich durch zu kämpfen. Dennoch liegen Freud und Leid beim Windenfliegen im Flachland oftmals sehr nah beieinander und so gibt es neben denen die weg steigen häufig einen Schleppstart-Sammler, der das undankbare Los zieht, eine Platzrunde nach der anderen zu drehen. …Gott sei Dank kann dies jeden mal treffen.
Auch heute wieder erreichten einige Serra Talhada oder segelten darüber hinaus in Richtung Salgueiro, wie Thomas und Kopp, die um die 200 km zurücklegten und damit einige Stunden in der Luft verbrachten. Wer kürzer flog und demnach früher wieder im Hotel war, genoss ein leckeres Abendessen in einer guten Churrascaria in der Stadt.

Den nächsten Tag ging es schließlich wieder mit Sack und Pack auf den Flugplatz. Ganz nach dem Motto „jeder geflogene Kilometer ist einer weniger im Auto“ zogen die ersten auf mittlerweile bekannter Strecke los. Urs überflog unseren nächsten Etappenort Custódia, zog dann aber nach rund 100 km die Handbremse an und landete bei einem schmucken Örtchen mit vielen Palmen, was ihm zwischen all dem kahlen braunen Buschwerk wie eine Oase vorkam; auch Peter fand sich dort ein und sie ließen den ersten Rückholer der vorbei kam aus, um noch ein wenig zu bleiben.

Nur rund 800 m Staubpiste standen uns auf dem kleinen Airport von Custódia zur Verfügung, dank des wettertechnisch sehr guten Tages war dies aber kein Problem. Schon am Morgen standen schönste aktive Wolken am Himmel, die Windvorhersage vermeldete einen letzten Tag 20-30 km/h. Peter war schneller fertig als man schauen konnte und sofort nach dem ersten Schlepp weg. Auch die anderen ließen sich danach nicht lange bitten und zügig ging es weiter. Nach den ersten drei Starts hatte sich auch, wie wir das gewohnt sind, das halbe Städtchen am Pistenrand versammelt, Reporter lokaler Medien baten um das ein oder andere Interview, Eis und Wasserflaschen gab es auch schnell zu kaufen…kurzum, das Event war eröffnet.

Unser längstes Etappenziel galt es heute zu erreichen, ein Hotel in Ouricuri rund 280 km entfernt. Fast alle hatten bis zum Mittag den Einstieg von der kurzen Piste geschafft und waren unter den Wolkenstraßen unterwegs. Wer bis in die späten Nachmittagsstunden oben blieb, flog auch bis zum Sonnenuntergang; Michi, der als letztes gestartet war, landete bei Parnamirim nach rund 230 km, Peter Vogler und Joshi genossen den Sonnenuntergang fast bei Ouricuri, wohin ihnen nur ca. 30 km fehlten und Peter Hilger überflog das Städtchen und landete mit über 330 km auf dem Kilometerzähler bei Araripina. Markus flog das letzte Drittel der Strecke in echter „Kampflinie“ über buschreichem Niemandsland, kam aber exakt in Ouricuri zum Landen und sparte sich jeglichen Autokilometer. Den Abend herrschten immer noch über 30 Grad und so gab’s bei guter Stimmung Bier und Abendessen im landesüblichen Tankstellen-Restaurant an langer Plastikstuhl-Tafel unter’m Sternenhimmel.

Weitere zwei Tage verbrachten wir in Ouricuri, wo einige den ersten Tag fast schon als Ruhetag nutzten und lediglich einen kleinen Sightseeing-Ausflug mit kurzer Rückfahrt planten. Wer Lust hatte, steuerte unseren heutigen Zielpunkt, die Tankstelle mit dem in die heimische Weihnachtszeit passenden Namen „Papai Noel“ in Picos an. Die beiden Peter und Roland landeten schließlich nach den 180 km alle direkt daneben ein. Frederik und Benni zogen nach eins zwei Schlepprunden erst recht spät los, waren dafür aber in den Nachmittagsstunden flott unterwegs, überflogen das Plateau hinter Araripina sowie die Staatsgrenze von Pernambuco ins Piaui und meisterten damit auch noch zwei Drittel der Strecke.

Der Reisetag nach Picos verlief fliegerisch sehr ähnlich, einzig hatte es quasi keinen Wind mehr und dazu auch kaum Wolken, weshalb es langsam vorwärts ging. Einige erreichten die Stadt, andere wurden von den Autos auf der Strecke aufgelesen. So gab es Zeit, mit kompletter Truppe das Stadtzentrum zum Abendessen unsicher zu machen.

Die Windvorhersage für den nächsten Tag spielte unserem Plan in die Karten, von Picos gen Süden zu fahren und in Jaicos zu schleppen. Dank der anfänglichen Südostkomponente des Windes führte die geplante Flugroute zurück über Picos und dann weiter gen Westen ins rund 130 km entfernte Ziel Oeiras. Die superheiße, staubig-trockene „Kochtopf-Piste“ erwies sich trotz aller hitzebedingten Strapazen wieder einmal als Garant für den Einstieg an die Wolkenbasis. Die gesamte Truppe erreichte quasi geschlossen den Zielort Oeiras und Dioglécio hatte dort bereits alle, an sämtlichen Ortsrändern landenden Piloten im Zickzack durch die Stadt eingesammelt und zur Pousada gebracht, bevor die anderen Autos vom Flugplatz dort ankamen. Landebier wurde heute nicht zu wenig ausgeschenkt und wir genossen das Abendessen im netten Ambiente der Pousada.

Ungläubig schaute der ein oder andere den nächsten Morgen aus der Zimmertüre, als in den Morgenstunden Regen vom Himmel rauschte. Das Intermezzo war schnell vorbei; wir gaben der Sonne etwas Zeit zum Heizen und auf den Mittag hin ging es zum Flugplatz. Nach und nach waren alle die fliegen wollten in Richtung unseres Endpunktes in Floriano unterwegs. Natürlich bauten die Wolken am Nachmittag wieder deutlich auf, dennoch legten einige gut die Hälfte der „grünen Dschungelroute“ in der Luft zurück, bevor die Überentwicklungen zum Landen zwangen. So rollten wir also später in die Stadt und checkten ein. Der letzte Abend klang wie immer stilecht im Floß-Restaurant am Grenzfluss Parnaíba aus, der das Piaui vom Maranhao trennt. Danach war die Caipi-Bar eröffnet und nach den ganzen heissen Temperaturen und dem Staub auf den Pisten kam nochmal, wie zum Abschluss, ein kräftiger Regenschauer vom Himmel.

Schließlich starteten am nächsten Morgen die einen per Auto zurück nach Fortaleza oder Recife, die anderen nach Teresina zum Rückflug.
Eine ereignisreiche und schöne Zeit ging damit zu Ende; es gab viele Flugstunden und zurückgelegte Kilometer, extrem schöne Aussichten, nette und hilfsbereite Menschen, viele lustige Geschichten und gute Erlebnisse – in der Luft und auch am Boden. Wir sind uns bereits sicher, dass wir nächstes Jahr wieder auf’s Neue auf dem ersten Airport die Winde parat haben werden.

Ein riesen Dank geht hierbei noch an unser brasilianisches Team, Simone, Dioglécio, Wagner, Marcilio, Zoio, Nani und Marcos, ohne deren Hilfe diese Touren nicht möglich wären! Muito obrigado!

Text: Verena Siegl
Bilder: Michael Gebert, Federico Kutscheidt, Verena Siegl, Ramona Fischer

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