Kolumbien – fliegen non stop

10.02.2017

Aus tiefstem Winter daheim traf am Samstag Abend eine flugbegeisterte Truppe in Cali am Airport ein, um die nächsten zwei Wochen die kolumbianischen Fluggebiete zu erkunden. Wir gewöhnten uns auf dieser Tour daran, ein bisschen zusammen zu rutschen – Ralf, Markus und Res fingen sofort damit an, als das Licht des abholenden Autos streikte und ein behelfsmäßig kleineres Fahrzeug zum Einsatz kam. Schließlich kamen aber alle in unserer ersten Finca an und am nächsten Morgen gab es ein erstes großes Hallo, genug Verwirrung bei denjenigen, die Tini noch nicht kannten und ein Briefing über Ablauf, Reiseroute und Kommunikation. Danach ging’s sogleich zum Startplatz.

Unsere ersten drei Flugtage verbrachten wir im Fluggebiet von Piedechinche. Der schön hergerichtete Startplatz war im Moment wegen einer Baustelle an der Straße nur in drei Etappen zu erreichen; das erste Stück mit unserem Bus, dann 10 Minuten zu Fuß durch die Baustelle und -mit Ausnahme von dem marschbegeisterten Grüppchen Markus, Slawa und Gianni – die letzten Höhenmeter per Jeep, wo wir diesmal alle zusammen rutschten und auf der gefühlt ungefederten Hinterachse der alten Karren jedes Schlagloch zählten.

Nach kurzer Eingewöhnung am ersten Tag an die kolumbianischen Startplätze – oben flach und dann schnell sehr steil – kamen alle gut zurecht und ließen sich zumindest teilweise schon mal ins Flachland locken. Unsere erste Streckenaufgabe führte uns nach Norden bis zur Stadt Buga und zurück, was sich noch als schwierig herausstellte. Fast alle zogen die Hügelkette entlang los; Slawa verzeichnete einen ihrer ersten Streckenflüge überhaupt und meisterte den Weg bis in das Dörfchen mit dem schönen Namen „Costa Rica“, wo sich auch Gianni einfand. Markus suchte sich eine feine grüne Landewiese noch ein Stück weiter im Norden, von der er allerdings zum einstündigen Fußmarsch ansetzte. GP kurvte mit dem Messer zwischen den Zähnen eine kleine Ewigkeit über der Zuckerrohrfabrik im süsslichen Abgas herum, bevor er beim nächsten Dorf zum Landen ansetzte – vielleicht zum Rum trinken? Res und Jörg meisterten erfolgreich den Sprung nach Buga und einzig Markus flog von dort wieder zurück und landete beim abendlichen Restaurant nahe der Finca, wo wir dank unseres Rückholteams Irina und Jon später alle wieder an einem Tisch saßen und uns die kolumbianische Küche schmecken ließen.

Unser Reisetag nach Norden startete fliegerisch vielversprechend mit einem Himmel voller kleiner Quellwolken. Alle begaben sich erfolgreich auf die Strecke und meisterten die ersten Kilometer unter schönsten Thermikwolken. Später breiteten sich diese jedoch zu hartnäckigen größeren Abschattungen aus, was einige zum Landen zwang. Wer noch genug Höhe hatte, fightete im Flachland weiter; Markus bewies das größte Durchhaltevermögen, meisterte die große Abschattung und fand erneut Anschluss unter perfekten Wolkenstraßen gen Norden. Er landete erst nach der Stadt Túlua und rund 60 zurückgelegten Kilometern, bevor unser Bus ihn aufsammelte. Nach dem Auffüllen der Rumvorräte und dem Abendessen im nahen Restaurant, bezogen wir unsere nächste Finca; ein unglaublich schönes Haus, groß, detailverliebt, mit Pool und Billiardtisch. Einzig die Wasserhähne in den zahlreichen Bädern waren wohl schon lange nicht mehr in Betrieb gewesen – lediglich zwei Bäder im Erdgeschoss waren teilweise funktionsfähig, also…ja genau – wir rutschten wieder ein bisschen zusammen und die beiden Bäder waren im Dauereinsatz… Ein Lob auf die kolumbianischen Handwerker, die am nächsten Tag das Wasser überall zum Laufen brachten!

Die nächsten Tage verbrachten wir im Fluggebiet von Anserma Nuevo, was uns anfangs mit etwas stabileren Bedingungen erwartete. Jeden Vormittag starteten wir mittlerweile professionell zusammenrückend auf zwei alten Willys vom Dorfplatz aus durch die belebten Straßen und schließlich die Hügel hinauf durch die Kaffeeplantagen zum Startplatz. Die ersten zwei Tage galt es, ein feines Thermikhändchen zu trainieren und ein Auge für die aufdrehenden Geier zu entwickeln; dann stand einem mehrstündigen Flug nichts im Weg. Unser Streckenfuchs GP unternahm einen erfolgreichen Ausflug gen Norden und war mal wieder bei der dortigen Zuckerrohrfabrik anzutreffen; auch Ralf betrachtete diese den nächsten Tag aus der Luft und segelte weiter bis zur nächsten Stadt „La Virginia“, gelockt von der Aussicht auf ein kühles Landebier. Markus, Slawa, Kobi und Toemi bewiesen mehrfach, von wie tief unten man sich mit Hilfe der zahlreichen Geier wieder ausgraben kann.

Einen Nachmittag widmeten wir uns nach dem Landen dem kolumbianischen Nationalspiel „Tejo“; wo in einer dafür gebauten Halle eine kleine Bleischeibe auf die gegenüberliegende Seite in einen Lehmblock geworfen werden muss. Trifft man das im Zentrum liegende mit Schießpulver bestückte Papierdreieck, explodiert es, was besonders viele Punkte bringt… und ja, diese Dinger können wirklich explodieren, auch wenn mir das niemand mehr glaubt!! Nach ein paar Runden zum Warmspielen, dem ein oder anderen „Aguardiente“ und einigen im Bambusdach der Halle steckengebliebenen „Tejos“, kristallisierte sich Ralf als untrüglicher Tejo-König heraus, dicht gefolgt von Kobi.

Die Tage wurden wieder labiler und es bildeten sich feine Quellwolken bis in die Talmitte, was wir für einen Streckenausflug gen Süden und auf die andere Talseite nutzten. Die meisten schafften den Sprung an die südlich gelegene kleine Hügelkette namens „La Chiquita“ und erreichten an deren Ende das Dörfchen San Francisco. Slawa landete dort und war schnell umringt von vielen kleinen Helfern, die sie am liebsten dort behalten hätten; Peter landete weiter im Süden und lernte die Widerspenstigkeit eines Bohnenfeldes kennen – auch die Pflanzen wollten ihn gern lang dabehalten. Markus, Res, GP, Jörg und Ralf querten schließlich den Fluss Cauca und wechselten auf die andere Talseite, bevor die deutlich wachsenden Wolken doch mal zum Landen zwangen. Kaum nach Erreichen einer kleinen Bar am Ortsrand von Obando kamen ein paar dicke Regentropfen vom Himmel. Am Abend wurde der Grill der Finca angefeuert, feinstes Fleisch genossen, der ein oder andere Rum konsumiert und ein Billard-Tournier gestartet.

Nur mit dem Versprechen, dass die nächste Finca auch wieder sehr schön sei, konnten wir unsere Truppe zum Umziehen nach Roldanillo bewegen – sonst wären sie wohl immer noch dort;-).

Da uns die Labilität nun erhalten blieb, versuchten wir so weit wie möglich nach Süden zu fliegen. Gesagt, getan und schnell nach dem Start befand sich fast das gesamte Feld an der La Chiquita. Wer diese meisterte, querte an eine kleine Hügelgruppe weiter im Süden und von dort das breite Cauca-Tal auf die andere Seite nach Obando. Wir starteten in Anserma mit einem schwachen Nordwind, allerdings ändert sich dies bei insgesamt windschwachen Bedingungen schnell und so hatten wir spätestens hier einen leichten Gegenwind, was unser weiteres Vorhaben deutlich zäher gestaltete. Doch motiviert bewiesen einige viel Ausdauer; Res landete südlich von Obando, Markus, GP und Markus segelten noch bis auf Höhe von La Vitoria weiter, wo sie an der Autobahn landeten.
Den Abend in Roldanillo erwartete uns eine landestypische „Cabalgata“, ein Dorffest, wo eine Parade herausgeputzter Reiter und Reiterinnen auf schicken Pferden mit viel Musik und Alkohol durch die Straßen zieht. Es dauerte nicht lange und GP wurde auch auf einem Pferd gesichtet!

Die nächsten Tage stürzten wir uns in das Getümmel am Hauptstartplatz von Roldanillo; ein kleiner Kulturschock im Vergleich zu den anderen Plätzen. Am Besten man war einfach schnell in der Luft und unter den Wolken. Dank Nordwind ging es einen Tag gen Süden, die meisten schafften den Sprung über Roldanillo hinweg ins Tal. Markus, Gianni und Jörg querten den Cauca in der Talmitte und landeten irgendwo im Zuckerrohr um Zarzal; Res, Markus, Ralf und GP erreichten La Paila weiter im Süden, kehrten und flogen bis Obando wieder nach Norden hoch. Ein leichter Südwind ermöglichte die Nordroute am folgenden Tag; Ralf und GP flogen die Hügelkette entlang, passierten die Städte La Union und Toro, während die andern in die Talmitte wechselten und über der Stadt La Vitoria erneut aufdrehten. Ralf verließen die Thermiken an der kleinen Hügelkette La Chiquita kurz vor Anserma und stand von nun an auf Kriegsfuß mit ihr. Dank seinem Opfer kehrten wir wieder um nach Süden, wurden jedoch bei Obando von Überentwicklungen vorzeitig gestoppt und gingen runter. Die Anstecknadel für den abenteuerlichsten Marsch zur Straße, mit Litern von Wasser von oben, viel Schlamm am Boden, dichten Grünstreifen und einem schwierig zu überwindenden Flüsschen ging heute unangefochten an Res, Peter und Vreni…

Aufgrund der sintflutartigen Gewitterschauer um Roldanillo wichen wir auf den Startplatz von Anserma im deutlich trockeneren Norden aus und flogen gen Süden zurück. Ralf nahm es zähneknrischend und etwas unwillig erneut mit der La Chiquita auf, meisterte sie aber heute bravourös. Nach netten eineinhalb Stunden in der Luft entschlossen wir uns erneut zum Landen, um ausnahmslos alle heute trocken zu bleiben. So machten die einen den Pool oder den Billardtisch an der Finca unsicher, die anderen gingen in Roldanillo stilecht zum Barbier oder zur Maniküre, bevor sich alles im Restaurant traf.

Nach eineinhalb Wochen non stop fliegen, war die Begeisterung groß, die Kaffeeregion Kolumbiens einmal vom Pferderücken aus zu erkunden. In großer Runde ging’s los und nach kleinen Anfangsschwierigkeiten hatten alle ein zu ihnen passendes Ross gefunden; mit Musik, viel guter Laune und gut gefüllten Satteltaschen führte der Weg durch die Kaffee- und Kochbananenplantagen zu einer Finca hinauf, wo Mittagessen und ein kühler Pool warteten. Wer bereits vom Muskelkater übermannt wurde, nahm den Bus nach unten, die meisten blieben jedoch im Sattel. Auf den Abend führte uns unser Weg weiter nach Caucaviejo, wo wir die letzten Tage der Tour verbrachten.

Die nördlichste Flugregion unserer Tour, das landschaftlich reizvolle Gebiet um Jericó, bildete die letzte Etappe unserer Reise. Jericó, ein schmuckes, buntes Bergdorf auf rund 1800 m lud vor dem Fliegen stets zum Verweilen in einer der vielen Saft-Bars am Platz ein, genauso wie zum Einkaufen von landestypischen Mitbringseln und allen möglichen Produkten aus Leder. Zum besten Zeitpunkt ging es von dort an den Startplatz, der am Rand der beeindruckenden Geländekante auf knapp 1900 m eine Höhendifferenz zum Tal von weit über 1000 m bereit hält.

Markus, GP und Ralf ließen sich nicht lange bitten und kurbelten auf kühle 2600 m auf und begaben sich auf eine Sightseeing-Runde durch das Tal. Der hügelige Wechsel von Wald- und Weideland erfordert etwas mehr Flugplanung was das Landen angeht als in den vorigen Gebieten. Den wohl besten Platz suchte sich Kobi aus, der, nach dem Ausgraben einer richtig guten Thermik, den Fluss bei einer der wenigen Brücken überquerte, schönste Wiesen zum Landen vorfand und in 5 Gehminuten einen Kiosk mit kühlen Getränken erreichte. Andere Landeplätze hatten den Vorzug, dass man sofort an einer perfekten Badestelle in einem kleinen kühlen Nebenfluss war.

So vergingen die letzten entspannten Tage, bevor wir uns am Freitag Nachmittag nach einem letzten Flug und einer abschließenden Abkühlung im Pool auf den Weg nach Medellin machten.
Nach einem feinen Restaurant zog es die Nachtschwärmer noch in das Club- und Bar-Viertel der Stadt. Bis der Morgen wieder graute und die meisten Bars die Türen schlossen gab es viel zu lachen…sämtliche Geschichten und Fotos dieser Nacht bleiben in der Familie…

Am Samstag ging es dann schließlich nach und nach Richtung Airport; auch alle Nachtschwärmer waren nach morgendlichen Anlaufschwierigkeiten rechtzeitig parat. Das letzte Flughafen-Taxi forderte unsere Pack- und Zusammenrutsch-Fähigkeiten nochmal so richtig heraus, was wir routiniert meisterten..

Damit gingen zwei extrem schöne und erlebnisreiche Wochen zu Ende; es gab viele Flugstunden und zurückgelegte Kilometer, neue Erfahrungen, nette und hilfsbereite Menschen und viele gute Geschichten. Ein Dank an die super nette Truppe für die gute Zeit und ja vielleicht bis zum nächsten Mal im Valle de Cauca!

Text: Verena Siegl, Fotos: Verena und Christina Siegl

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