Mexikanische Reise Geschichten

04.02.2018


Um es kurz zu machen; Thermik fanden wir in Mexico reichlich und es war genügend für jeden vorhanden, das Wetter ist praktisch immer gut und fliegbar, falls es mal nicht danach aussieht, geht es trotzdem perfekt zum Fliegen, das Essen ist extrem vielseitig und gut und wir hatten durchwegs nur positive Eindrücke und eine sehr schöne abwechslungsreiche Reise.
 
Wir starteten die Reise in der Provinz Colima nahe des Pazifiks, eine fliegerisch eher unbekanntere und einsamere Region Mexicos, welche aber sehr schöne und zuverlässige Gebiete meist mit Blick auf den 4000m hohen Vulkan bietet und zudem eine schöne Mischung aus verschiedenen Vegetationszonen. Von den tief gelegenen tropischen Regionen, bis zu den mit Schnee bedeckten Vulkangipfeln. Dazwischen finden sich Avocado-Bäumchen, Beeren-Plantagen, Zuckerrohrfelder, grosse und weite Lagunenflächen oder die unverwechselbaren Agave-Kaktus-Plantagen aus welchen der Tequila und der Mescal destilliert werden. Auf jeden Fall entsteht über all diesem eine gute Thermikluft. In den letzten Tagen besuchten wir das weltberühmte Valle de Bravo und wer noch nicht genug hatte, konnte sich dort komplett satt fliegen.

Andi, diesmal praktisch mit einem wissenschaftlichen Auftrag angereist, haderte erst mal schwer mit den Bedingungen; er wollte dringend seine neuen Erkenntnisse aus den literarischen Nachschlagwerken über „schwache Thermik“ anwenden. Das Problem: die Thermik war praktisch nie im schwachen Bereich. Das endete schliesslich in der zweiten Woche mit verzweifelten „Frühstartversuchen“ im Valle de Bravo: unter den Augen von 80 Piloten drehte der rote Phantom praktisch im „Morgengrauen“ schon gen Himmel und zeigte wie früh es losgehen kann...Aber natürlich gab es dann im Tagesverlauf trotzdem Freude über die 8m Schläuche, die dann ebenfalls dankend mitgenommen wurden.

Ein weiterer Fachmann kristallisierte sich bald heraus: Martin und seine Windscherungen! Meist tauchte er am Ende des Tages mit strahlenden Augen auf und berichtete von gefundenen und geflogenen Konvergenzen. Unvergesslich bleibt es wohl in Tapalpa: dort nutzte er die Gunst der Konvergenzstunde und drehte direkt über unseren Köpfen, bis er als kleiner gelber Punkt auf über 4000 m verschwand und in Richtung der weiten Lagunen davon flog. Ausserdem wird vermutet, er habe sich heimlich ein paar der zahlreichen und überaus hilfreichen mexikanischen Geier mit ins Handgepäck geschmuggelt, zumindest träumte er mehrmals davon und sie faszinierten ihn mindestens so wie die gefundenen Konvergenzen.

Nach genauerer Betrachtung des Flugstils und eines zufälligen Vergleichs der Tracks von Andi und Florian vermuteten wir zuerst zwei verschiedene Fluggeräte. Allerdings stellte sich nach kurzer Recherche heraus, dass es sogar die selben Schirmtypen waren, was kaum zu vermuten war. Sofort entbrannten wilde Diskussionen ob man denn mit einem Gleitschirm überhaupt einen Kreis fliegen muss oder kann; „Floating Florian“ kam zumindest bisher mit seiner Technik extrem zuverlässig und gut voran und mit der Erweiterung seines Repertoires auf Kreise werden wir in Zukunft noch viel von ihm hören, das ist sicher… Er krönte sich selbst die erste Woche mit einem wunderschönen Dreieck von ca. 70km von Zapotiltic durch die interessante „Spielgegend“ vor dem Startplatz; eine Mischung aus Flachland und kleinen Kanten bietet eine wunderbare Flugarena und kurz darauf segelte er ebenfalls mit seiner erprobten Floating Technik weit in den Norden und wurde erst durch den Strand des Lago de Chapala gestoppt.

 
Ein morgendlicher Ausflug auf den 4000m hohen Vulkan unterbrach unsere tägliche Thermik Routine kurzfristig. Pascal, gerade auf der „Durchreise“ des südamerikanischen Kontinents wieder zu uns gestossen, stellte sich mit Andi kalt entschlossen den Vulkan Bedingungen. Da die Windrichtung nicht ganz ideal war, musste ein guter Plan her, ein eiserner Wille und etwas Geschick beim herausschleichen aus der „Vulkanzone“. Beide verloren sich zwar aus den Augen, konnten aber den Flug sogar schon verlängern und wurden später strahlend wieder gefunden. Andi plante und berichtete zwar von wilden Hanglandungsideen, fand aber glücklicherweise den Ausgang aus dem Labyrinth und hatte beim einsammeln schon den ersten Taco verspeist.

Bernhard ging es täglich ähnlich an, er startete aus dem Hintergrund, verschwand ohne ein Wort über Stunden im mexikanischen Himmel oder Bergland, tauchte abends meist in Hotelnähe wieder auf, bzw. schlug er sich zu Fuss durch und war mit bayerischer Ruhe und Zuverlässigkeit wieder zurück.

 
Christian, Jörg und Peter, die „ruhende Bank“ der Gruppe, nutzten die Gunst der Reise und das stabile Flugwetter um fleissig Flugstunden aufs Konto zu packen, was bei täglichem Fliegen ein recht erfolgreiches Unterfangen war.

Die „Chicas Gang“ mit Kathrin, Christin und Ina stürzte sich nach anfänglicher Skepsis täglich souveräner und erfolgreicher ins Geschehen. Zum Ende der Reise war die Lage klar: oben im Schlauch ist, wo die Girls drehen. Selbst die „ Schirm reichhaltige Luft“ im Valle de Bravo wurde in den letzten Tagen nicht mehr als „Bedrohung“ sondern als Motivation zum ausdrehen angesehen. Schlussendlich wurde mehr über eine „Reiseverlängerung“ als über die Heimreise diskutiert!

Zwischen all diesen „Einzelschicksalen“ hatten wir unzählige wichtige und hochwertige Diskussionen und Fachsimpeleien über Themen, wie z.B.: „Wie erklär ich’s meiner Frau...“ Dabei ging es um den richtigen Zeitpunkt der Verkündung einer neuen Flugreise, ob nun die Floating- oder Kreistechnik besser funktioniert, oder ob der Skorpion und der Wurm im Mezcal nur ein Märchen oder mexikanischer Alltag ist. Manche Fragen konnten nie geklärt werden, aber sicher ist, dass wir wieder nach Mexico reisen werden. Die Wetterstabilität um diese Jahreszeit, das angenehm frische, von manchen auch als kalt empfundene Klima, die vielen Flugstunden und die leckere Küche machen es zu einer interessanten Winterdestination.


Text und Fotos: Michael Gebert

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