Namibia – hoch über einer anderen Welt

26.01.2017

Ein persönlicher Reisebericht

Ich reise nach zwei Wochen Südafrika zum ersten Mal weiter nach Namibia. In Teilen Südafrikas wähnt man sich fast in Europa. Infrastruktur, Konsumangebot, Komfort und das sommerliche Klima unterscheiden sich kaum. Setzt man die spektakuläre Naturszenerie am Kap oben drauf, ist klar weshalb dort zu dieser Zeit viele Touristen aus der Schweiz und Deutschland anzutreffen sind. In Namibia wird das ähnlich sein, dachte ich.

Zumindest landen in Windhuk nicht von ungefähr mehrmals wöchentlich grosse Maschinen direkt aus Deutschland. Bei der Ankunft leuchten einem Plakate von Luxus-Lodges mit Casinos, Golfplätzen und allem möglichen oder unmöglichen entgegen. Und das obwohl ich beim Landeanflug kaum ein Anwesen entdeckt habe. Soweit mein Auge reicht, sehe ich nur Wüste oder Steppe. Zugegeben, der Flughafen liegt 45 km ausserhalb der von kleinen Hügeln umgebenen Hauptstadt. Bevor unsere abenteuerhungrige Truppe ankommt, bauen wir unsere Seilwinden auf, besorgen fehlendes Kleinmaterial im Shoppingcenter und gehen abends in der Stadt essen. Alles normal also. Bis unsere Bedienung sagt, dass nach 22 Uhr hier in der grössten Stadt des Landes nichts mehr läuft. Man muss sich mit seinen Freunden früher oder andernorts treffen. Beispielsweise in Swakopmund. Eine aus dem Boden gestampfte beziehungsweise in den Sand gepflanzte Industriestadt an der Westküste, nördlich von Walvis Bay, zu deutsch: Walfischbucht. Dort gibt es ein paar Restaurants und Bars, die auch wenn nicht gerade ein Junggesellenabschied gefeiert wird, etwas länger offen haben. Wären die Strassenränder nicht von aufwändig bewässerten Palmen gesäumt, würden die Farben sand und grau das Bild komplett dominieren. Da dazwischen finden Gleitschirmreisen in Namibia statt. Normalerweise. Dünensoaren, groundhandeln und spielen solange der Wind passt. Aussicht: auf die Hauptstrasse, das Meer gespickt mit Bohrinseln und den Rand der Namib-Wüste. Zum Glück haben wir dort nur die letzten drei Tage unserer Rundreise verbracht. Zum Glück, weil das Land so viel mehr zu bieten hat als der farblose „must-have-flown-spot“. Da kann man sich zwar stundenlang am Schirm austoben bis das Shirt durchgeschwitzt, die Kehle ausgetrocknet und der Kopf rot ist. Aber mit den atemberaubenden Eindrücken, welche wir davor auf unserer Rundreise quer durch Namibia gewonnen haben, kann diese Region nicht mithalten.

Eine Tour von Ost nach West, der sich ankündigenden Regenzeit immer einen Schritt voraus, täglich auf einer neuen Strasse gegen den Wind schleppen, Thermik kurbeln, Aussicht geniessen und mit Rückenwind zu unserem Tagesziel fliegen; so lautet der Masterplan. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Diesen Spruch kann ich schon nach wenigen Tagen zum Besten geben. Denn nach kleinen Anfangsschwierigkeiten, die in zwei oder drei komplett abgerollten Schleppseilen – notabene mindestens 1400 Meter – mündeten, läuft unser Windenpark sehr flott. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass man als Windenfahrerin im Land der unendlich scheinenden Weite mit bombastischen Basishöhen automatisch in den Modus „think big“ umschaltet und die Piloten am liebsten direkt unter selbige schleppen würde. Nur eben war das Seil vorher „alle“. Danke an die treuen „Seilretter“ Francesco, Roman, Meinrad, Stefan, Andreas, Daniel und Marlen, die sich abwechselnd auf der Suche nach dem Seilende und dem Bremsfallschirm ohne Rücksicht auf Kratzspuren durch das stachlige Buschland kämpften.

Zurück zum erfolgreichen Plan. Nach den ersten Starts am Seil weicht die anfängliche Angst unserer Winden-Neulingen dem Respekt und mit jedem reibungslosen Schlepp werden die Gesichtszüge beim Einhängen entspannter und die Funkanweisungen für Richtungskorrekturen seltener. Wir einigen uns, spätestens 650 Meter über Grund zu klinken, womit man den Thermikeinstieg quasi auf dem Silbertablett präsentiert kriegt. Da kennen wir aus Brasilien schliesslich andere Ausgangslagen. Je nachdem hängt man dafür zwei, drei, vier oder mehr Kilometer am Seil. Der Rekord von A. H. liegt bei 9.9 km. Es wird gemunkelt, er wollte die Strecke zurück zu unserer Lodge gleich ganz am Seil fliegen…

Gleich zu Beginn planen wir einen Flug rund 50 Kilometer am Rand der Kalahari-Wüste zu einem kleinen Dorf. Zielflüge sind ein absolutes Must, da man sonst in dieser einsamen Region mit dünner Telefonabdeckung problemlos verloren gehen kann. Klein ist das genannte Dorf wortwörtlich, denn man könnte es im Staub des vorausfahrenden Autos glatt verpassen. Auch aus der Luft, mehrere tausend Meter über Boden, ist die von wenigen Häusern flankierte Strassenkreuzung leicht zu übersehen. So geschah es Lindi. Als er die Situation erkannte, kam er allerdings kaum runter; die heissen Wüstenregionen sind thermisch ziemlich aktiv kann man behaupten. Unser Architekt Ueli spürt hingegen mit Sicherheit jedes Haus im Niemandsland auf. Bei seiner Landung bin ich mit dem Rückholauto direkt vor Ort. Dank Stefan und Roman die schon in angenehmer Begleitung in der sportsbar sitzen, sowie Daniel, Francesco, Chrigi und Dävu, die kurz vor Ueli landeten, ist die gesamte Dorfbevölkerung auf die Strasse gerannt. Ich skandiere Uelis Namen während seinem Endanflug, die Kids mit ihren klangvollen Stimmen erledigen den Rest für einen unvergesslichen Tag.

Während die wunderschön angelegte Anib Lodge mit allen Annehmlichkeiten aufwartet, die sich ein Tourist wünschen mag, ähnelt unsere nächste Destination eher einem Bauernhof. Die Burgsdorf-Farm ist eine grüne Oase im kompletten Niemandsland. Rundum gehören den Besitzerinnen knapp 1000 ha Land, das unzählige wilde und zahme Tiere beheimatet. Mit ihrem Gyrocopter machen sie nicht nur Safarirundflüge sondern auch regelmässige Herdenbesichtigungen. Das Highlight sind definitiv die vier Geparde, die direkt neben unseren Schlafzimmern liegen und nur darauf warten, gekrault zu werden. Und wie Katzen so sind, schnurren sie vor Freude. Hier bloss zehnmal so laut wie unsere Hauskatzen. Marlen und Dani folgen die zwei älteren Wildkatzen nicht selten auf ihrem Morgenspaziergang auf eine kleine Anhöhe. Zusammen mit diesen grazilen Tieren der aufgehenden Sonne entgegenzublicken muss ein unbeschreibliches Gefühl sein. Vor den zwei im Nachbargehege ständig fressenden Nashörnern nehme ich mich allerdings lieber in Acht und auch Auge in Auge mit dem riesigen Stier, der sich umgeben von seinen Jungen mitten in den Weg meiner Joggingroute stellt, mache ich gerne einen grossen Bogen. Ich erweitere fortan den Tierbestand um die Art des Sch***hasen.

Fliegerisch geht es spektakulär zu und her. Funksprüche von schlotternden Piloten aus bis zu 4850 Meter über Meer, wo man die Erdkrümmung ausmachen kann, erreichen uns im Schleppauto. Da ist es mir oft auch zum aufdrehen zu Mute. Es sei wie auf einer anderen Welt, wie auf dem Mars vielleicht. Ich lasse ich mir Fotos von der wahnsinnigen Aussicht zeigen und freue mich über die detaillierten Beschreibungen der durch die Szenerie ausgelösten Glücksgefühlen. Mir wird bewusst; wir machen hier etwas, das gibt es eigentlich nicht. In diesem von unwegsamen Hochplateaus durchzogenen Streifen Afrikas kann man eigentlich nicht Gleitschirmfliegen. Nur unkonventionell eben. Mobil, flexibel und abenteuerlich. Genau so wie es mir, wie es uns gefällt.

Mittlerweile ist das Windenstarten schon business as usual und die ausgeloste Startreihenfolge sorgt kaum mehr für Nervosität, denn alles läuft reibungslos sodass die 13 Piloten binnen einer Stunde in der Luft sind. Vrenis und Andys Wetteranalysen sei Dank, dass wir jeden Tag an einem neuen Platz so richtig cool zum fliegen kommen. Ich reibe mir manchmal geflasht die Augen, wenn ich in meinen drei Rückspiegeln das Seil, einen Schirm und schönste Cumuli sehe und vor mir ein Land, so wie ich mir Afrika immer vorgestellt habe. Als uns eine mächtige Gewitterzelle erreicht, ziehen wir weiter. Wobei auch die mehrstündigen Fahrten auf mal gut und mal weniger gut unterhaltenen Schotterstrassen Spass machen. Zumindest mir als Fahrerin, wenn so richtig schöne Pfützen zu meterhohen Fontänen werden. Ein paar wenige Dinge müsste man allerdings beachten: 1. Beim ersten Fahrzeug ist die Fontäne noch klar, danach eher Schokoladenfondue. 2. Der Scheibenwischer ist links und man lässt ihn am besten schon vorher laufen genauso wie 3. offene Fenster eventuell nicht schnell genug schliessen um (Freuden-)schreie aus der Rückbank zu verhindern.

Wer keine Berührungsängste hat, kann vollkommen eintauchen in das dünnbesiedelte, teilweise als lebensfeindlich erscheinende Land, das gebietsweise unter jahrelanger Trockenheit leidet. Am intensivsten fällt mir das in der Lodge etwa hundert Kilometer nördlich von Sossusvlei auf. Auch wenn die Einheimischen oft nur Afrikaans und stark akzentuiertes Englisch sprechen, strahlen ihre Gesichter eine natürliche Offenheit und Freundlichkeit aus. Wenn sie ihre traditionellen Lieder singen, staune ich über die wunderbar klangvollen Stimmen und tauche in meinen Gedanken ab. Ich interpretiere es nur auf den ersten Blick als reine Gastfreundschaft. Es ist pure Lebensfreude und ein glückliches Zusammenleben mit Menschen aus der ganzen Welt an einem ruhigen, fast verlassenen Ort. Besonders im Morgen- und Abendlicht ist die Szenerie fast kitschig. Der Koch meint, „das muss man sich echt hässlich saufen.“ Auf den Flachdächern der Bungalows bauen wir unsere Feldbetten auf und bestaunen den beeindruckenden Sternenhimmel bevor sich orange glühend der Mond aufgeht. Wäre ich nicht müde, würde ich meine Augen am liebsten gar nicht schliessen.

Die letzte Schleppregion liegt in den Bergen. Mal direkt vor der Lodge, mal auf der anderen Seite des Passes – wiederum wunderschön zu fahren – an einer wie für uns geschaffenen Nord-Süd-Ridge. Wir gehen jeweils früh ans Werk, um die schönen Bedingungen vor der Meeresbrise zu nutzen. Auf unseren Zielflügen entwickelt sich wahres Teamwork über Funk. Neben regelmässigen Positionsmeldungen, die deutlich unterhaltsamer sind als ein Live-Tracking am Bildschirm, erfahren wir sofort von Piloten beim Landen oder noch besser beim Low-safe, von den Windbedingungen an der „Spitze“ und vom „place to be“ am Zielort. Das spätere Verfolgen der schier im Orbit fliegenden Schirme macht mir Spass, denn ich habe die Aussicht auf lauter strahlende Gesichter beim Pick-up und verschiedenste Geschichten vom Überflug einer vorher noch nie mit Gleitschirmen beflogenen Region. Wir fahren zurück in die Lodge, wo kühle Getränke und später ein wie immer leckeres Abendessen auf uns warten. Der Absacker fällt dann oft zusammen mit dem Auftauchen der Warzenschweine, Oryxe, Springböcke oder dem Wüstenhund. Da sagen sich eben alle gute Nacht.

Das sind eindrückliche Erinnerungen, die bleiben. Ich lerne sie noch mehr zu schätzen, als wir am nächsten Tag auf die Asphaltstrasse am Beach einbiegen, wo die Abgeschiedenheit und Wüstenromantik mit einem Schlag vorbei sind. Wir sind zwar wieder in der Zivilisation, aber was macht uns jetzt glücklicher? Wir durften ein aussergewöhnliches Gesamtpaket einer Gleitschirmreise durch Namibia erleben. Vielen Dank an die super Truppe für das intensive erleben und teilen dieser zwei Wochen. Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt und bin mir sicher, ich komme wieder. Mit im Gepäck natürlich Vreni, Andy und unsere zwei Seilwinden.

Text: Ramona Fischer
Fotos: Stefan Stettler, Ueli Kaufmann, Daniel Messmer, Marlen Wilder, Verena Siegl, Ramona Fischer

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