Neue Windenabenteuer im Sertao

30.11.2017

Seit fünf Jahren reisen wir mit unseren mobilen Abrollwinden in den brasilianischen Sertão. Jedes Mal erleben wir neue, bleibende Abenteuer. Immer dabei sind: viel Sonne, heisse Pisten und kühle Wolkenbasen, die komplette Bandbreite der Emotionen, das Gefühl der absoluten Freiheit, traumhafte Flüge und der entspannte Lebensstil der Nordostbrasilianer. Nach einigen Tagen der Akklimatisation tauchen alle ein in diese staubtrockene Region mit den herzlichen Menschen. Eine total andere Welt für uns Europäer.

Wir starten unsere Tour völlig losgelöst von den Rekordambitionen, die unsere Schweizer XC Cracks um Chrigel Maurer und Michael Sigel im Oktober hegten. Die Ziele der November-Expedition, die uns tief ins Landesinnere bringen soll, sind weniger auf maximale Kilometer und das totale Ausreizen des Thermikpotenzials von früh bis spät gerichtet. Wir fokussieren die schönsten Stunden des Tages zum Genussfliegen von unterschiedlichen Flugplätzen zum nächsten Etappenziel irgendwo im Westen.

Zum Empfang zeigt sich der Himmel über der ersten "Schleppstadt" Pesqueira von einer ungewöhnlich feuchten Seite. Pünktlich zur Briefing-Zeit war sogar Regen im Anmarsch. Da glaubt einem natürlich am ersten Tag keiner, dass es so etwas in dieser Halbwüste eigentlich nie gibt. Aber wir sind ja mobil und bewegen uns kurzerhand eine Stunde weiter westwärts zur Piste in Custodia. Da zeigt Philipp, dass er sich einerseits eine kräftige Brise aus seinen drei Wochen in Quixadá gewohnt ist und andererseits, dass 8/8 Bewölkung im Sertao noch lange nicht gegen einen schönen Streckenflug sprechen. Er kämpft sich bravourös über das stärkere Windband und geniesst seinen bis dato schönsten Flug. Nach seiner Ankunft im Hotel erzählt er mit leuchtenden Augen von seinen Erlebnissen. Davon sollten in den nächsten Tagen noch so einige folgen.

Die Windprognosen fordern uns heraus, von der klassischen Ost-West-Route abzuweichen und neue Wege zu gehen. Erscheint uns ein Platz auf der Karte als vielversprechend, folgt erstmal tagelanges Verhandeln mit viel diplomatischem Geschick, damit wir überhaupt mit unserer Fahrzeugflotte und den Winden auf den begehrten Flugplatz können. Vielen Dank an Simone, die mit ihrem Charme, viel Geduld und Beharrlichkeit so einige Politiker und Flugplatzchefs "weichgekocht" hat. Wir staunten nicht selten, als uns die Tore zu den mehr oder weniger gut erhaltenen Pisten mit einem herzlichen Willkommen geöffnet wurden. So geschehen etwas weiter nördlich, in Afogados. Philipp, voller Tatendrang vom Vortag, lässt sich gleich als erstes in den Himmel ziehen, dreht auf und wird erst am Abend nach seinem persönlich weitesten Flug wieder einen Fuss auf den Boden setzen. Ihm folgen sogleich die "alten Windenhasen" Peter, Kopp, Markus und Hans während sich die Windenneulinge nach einer Einweisung ziemlich flott am Low-Safe nach dem Klinken und dem "Flachland-Zock" versuchen. Valentin, ebenfalls schon gut eingeflogen in Quixadá, lässt sich nicht zweimal bitten und glänzt lange mit einer 100%-Quote.

Die Begeisterung für die unvorstellbaren Möglichkeiten der Winden wächst täglich. Die Steigrate nach ersten Schlepps steigt und die rote Laterne wird munter weitergegeben. So kommen beispielsweise Pascal, Beat und Daniele zu ihren Flügen deutlich über 100 Kilometer und bewiesen einige Male eine gute Nase beim Aufspüren und viel Biss beim Drehen von rettenden Thermiken. Den "Tiefausgräberpreis" gewinnt am Ende Fabian; aus knapp 50 Meter über Grund dreht er mit seinen Sigma 10 wieder bis an die Basis. Chapeau! Apropos französisch, auch der Westschweizer Robert zieht viele seiner Flüge grösstenteils in tieferen Bahnen. Da gäbe es viel mehr Urubus und es sei schön warm so nahe über dem Thermikofen. Und tatsächlich sammeln wir ihn oft erst am Etappenziel mit einem breiten Grinsen wieder ein. Lieber hoch hinaus wollte Markus. Nachdem ihm zu Beginn etwas Pistenglück fehlte, drehte er künftig so richtig auf. Dank unseren Livetracker konnten wir ihn live bis auf 3800 Meter über Meer verfolgen. Das sind locker 3300 Meter über Grund. Wahnsinn. Am Abend war er sprachlos über das Gefühl und die Temperaturen da oben.

Weiter geht unsere Reise zum bekannten "Dorfflugplatz" mitten in Ouricuri. Längst beeindrucken uns weder Lastwagen und Schulbusse, noch Eselwagen, Pferde, Motos und Fahrräder auf der Piste. Es ist immer wie ein Heimkommen. Die Leute kennen uns, erfreuen sich über die vielen bunten Tücher und die Piloten aus aller Welt. Die Flugroute hat es in sich: zu erst geht es durch eher hügeliges Gelände geprägt von feuerrotem Sand und grünen Mangobäumen und Palmen. Ein kräftiger Regen eine Woche vor unserer Ankunft hat für diese satten Farben gesorgt und dem Land ersehntes und dringend benötigtes Wasser beschert. Zwei Dörfer dahinter zeichnet sich ein kleines Plateau ab, das als "Schirmschnetzler" bekannt ist. Tausende Windräder wurden und werden da oben noch immer aufgebaut. Wehe dem, der dort zu tief ankommt. Es kam glücklicherweise keiner den Windmühlen zu nahe. Je nach Timing ist man vom Sinkfeld vor dem Plateau "gefressen" worden. Drei Zeitzeugen berichten gleichermassen von einem schwarzen Loch... Oder man kam eben eine gute Stunde später und tausend Meter höher darüber an, ohne die Turbinen richtig zu registrieren. So liegt manchmal Freud und Leid nahe beieinander. Da konnten wir eine Lektion von unserem Youngster Jonas lernen. Völlig gelassen und ohne jeglichen "Absauf-Frust" wartet er an der Tankstelle auf dem Plateau und freut sich einfach über den schönen Flug bis dahin und auf den nächsten Tag. Derweil erlebt Stefan seinen Flug des Lebens. Ihm kommen noch jetzt fast die Tränen, wenn er von seinem stundenlangen Endanflug auf Picos erzählt, wo er ohne einen Kreis in soft tragender Luft die letzten 50 Kilometer in den Sonnenuntergang schwebt. "Unvergesslich und unbeschreiblich, das muss man selbst erlebt haben", sagt der Niederbayer.

Die zweite Pionieraktion der Reise führt uns nach Campos Sales; perfekt gelegen, um in einer Line nach Picos zu fliegen. Wir haben das telefonische OK als Zutrittsberechtigung für den Flugplatz. Als wir am Abend ankommen, sind vor Ort nicht unsere "Flugzeuge" das Thema, sondern plötzlich die Autos ein Problem. Niemand darf auf die Piste fahren. Ohne Autos keine Winden, ohne Winden keine Flüge. Ein neuer Plan muss her. In zwei Teams rücken wir kurz vor Dämmerung nochmal aus, um eventuell verlassene Strassen oder Sandpisten als Alternativen anzuschauen. Diese stellen sich aber als ungeeignet heraus und so beginnt die Suche von vorne. Dank unserem Gastgeber bei der Pousada knüpfen wir Kontakte, die uns bis zur Piste des Nachbarorts eine Stunde im Westen führen. Und tatsächlich schafft es Simone erneut, die richtigen Leute mit den richtigen Argumenten zu überzeugen. Am nächsten Morgen wähnen wir uns in einer Szenerie aus Bud Spencers 'Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle'. Ein braungebrannter, muskulöser Typ mit Pilotenbrille, Schmalzlocke und rosa Muscleshirt winkt uns freudig herein und bittet uns auf die 1.9 Kilometer lange Asphaltpiste. Die längste Piste überhaupt, gezuckert mit schönsten Cumuli lässt und frohlocken. Wo gibt es denn sowas? Sofort ans Seil und ab unter die Basis war das Motto. Dank der Labilität fliegen wir bald einen Stock tiefer und einige schwappen einfach gerade aus bis nach Picos und darüber hinaus. Als Belohnung gibt es auf dem Rückweg Caju-Früchte und Cashew-Nüsse gepflückt und frisch geröstet am Strassenrand.

Wir blicken auf eine spannende Reise durch einen sehr ursprünglichen Trockengürtel in Brasilien zurück, der uns wunderbare Flugbedingungen bereithielt. Wir gönnen Land und Leuten die Feuchtigkeit im Westen von Herzen und freuen uns auf neue Abenteuer auf den unzähligen Flugplätzen im Sertão.

Einen grossen Dank an unsere super brasilianische Equipe und allen die sich auf das Abenteuer eingelassen haben.
Agradecemos a nossa equipe para esse tempo maravilhoso no Sertao. José Wagner, Dioclécio Dió Rosendo, Zoio Fernando Brandalize, Simone Guedes, Marcilio Almir, Federico Kutscheidt e todos outros.


Text: Ramona Fischer
Fotos: Michael Gebert, Federico Kutscheidt, Ramona Fischer

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