Südafrika – wir, die Lion Kings

03.01.2017

Um es vorweg zu nehmen: zwischen Weihnachten und Neujahr wurden wir reich beschenkt. Die Wahrzeichen Kapstadts; Signal Hill, Lions Head und Table Mountain finden sich als Silhouette auf tausenden von Touristenfotos wieder, werden zu Fuss, per Auto oder Seilbahn erklommen und gehören unweigerlich zu einer Südafrika Rundreise dazu. So faszinierend einen diese beeindruckenden Berge und Felsformationen in den Bann ziehen können, so frustrierend unerreichbar sind sie für viele Gleitschirmpiloten. Denn der Wind bläst nicht nur täglich sondern fegt richtiggehend vom kühlen Meer ins heisse Festland, was jegliche Hoffnungen auf einen Überflug unter dem eigenen Segel im Keim erstickt. Oftmals fliesst nordseitig eine Art „Malojaschlange“ über das topfebene Plateau, sodass sich keine Menschenseele da oben aufhält und nur Kitesurfer in deutlicher Entfernung inmitten tausender Schaumkronen ihren Spass haben.

Nicht so am 29. Dezember 2016. Dieser Tag kündigt sich schon lange als windschwach an. Gespannt verfolgen wir Tage im Voraus die Entwicklung der Windprognosen. Spannung, Vorfreude und eine Prise Ungewissheit machen sich breit. Den Pilotinnen und Piloten erzählen die Tourguides Barry und Ramona noch keine Details, es soll eine Überraschung werden. Denn unerwartete Höhenflüge sind das grösste Geschenk. Und es wurde Tatsache: das Windfenster sollte am besagten Tag bis am frühen Nachmittag fliegbar, die Richtung passend und die morgendliche Inversion pünktlich durchbrochen sein. Einmal durch den Ferienverkehr gekämpft, geniessen wir erstmal die imposante Stadtkulisse und eine von Tandemschirmen flankierte Landung am Beach bei einem Hupfer vom Signal Hill. Einen leckeren Coffee-to-go oder Fruchtsmoothie später marschieren wir hoch zum Lions Head. Zehn Minuten länger Schwitzen zum höheren Startplatz direkt unter dem Felskopf nehmen wir mit der Aussicht auf einen besseren Thermikeinstieg gerne in Kauf. Oben angekommen, zeigt sich die tägliche Flug- und Startpraxis der letzten Woche. Alle sind in Windeseile bereit und voller Vorfreude. Gespannt werden die ersten Starter beobachtet. Wird der Aufwind zum Soaren am Löwenkopf reichen? Gibt es sogar drehbare Thermik, um den Sprung an den Tafelberg zu meistern? Wird es ein gemütlicher Panoramaflug oder ein filmreifer Höhenritt? Fabian, der zuverlässige Airtime-Sammler, der Südafrika erprobte René, der unerschrockene Frank und der erfahrene Oberpfälzer Werni nehmen innert Kürze Visier auf den Gipfel. Der Lions Head scheint zahm und bezwingbar. Die überwältigenden Emotionen äussern sich durch freudige Jauchzer. Einer nach dem anderen folgt den Lockrufen und fühlt sich für einen Moment als König des Löwen.

Nach der Vorspeise kommt der Hauptgang. Dieses Rezept kennen Frank, Stefan, Ronnie, Fabian und Werni. Obwohl die entscheidende Zutat; 50 bis 70 Meter Höhenreserve über dem Lions Head wohl nicht bei jedem Abflug dabei war, kämpft sich einer nach dem anderen an der zerklüften Südwand nach Durchflug des Venturis hoch. Die Sache ist etwas tricky, es scheinen sich aus allen Felsspalten Thermikblasen zu lösen, allerdings verpuffen sie plötzlich und der Wind scheint seine Richtung abermals um einige Grad zu drehen. Trotzdem schaffen es alle auf Höhe der Gipfelstation am berühmten Plateau. Fabian und Werni halten geduldig als Fotomodell der Seilbahntouristen her, ehe sie sich in Richtung der zwölf Apostel davonmachen. Die Nachspeise in Form des Rittes über die gesamte Bergkette entlang der Atlantikküste bleibt zur Hälfte verwehrt, da der vorhergesagte Südwestwind zwar später als erwartet aber schliesslich dennoch kam. Zum Abgang, als wäre es das Normalste der Welt, geht’s eben wieder zurück zum feinen Soaren am Lions Head. Mitfliegt ein Gefühl des puren Glücks und der tiefen Zufriedenheit, so privilegiert über die fotogene, sehr belebte und befahrene Hout Bay Bucht mit 360° Weitblick in die Stadtgebiete Cape Towns und im hautnahem Angesicht der bezeichnenden Bergsilhouetten zu schweben. Ein Traum, der in Erfüllung geht.

14 out of 14
Leuchtende Augen gab es wahrlich vor und nach dem erinnerungswürdigen Kapstadt-Flug zur Genüge. Unsere Truppe nimmt eine Wahnsinnsbilanz von 14 aus 14 Flugtagen mit nach Hause. Angefangen bei einem Kickstart nach Mass. Direkt nach Ankunft frühmorgens in Kapstadt ging die Reise nach Hermanus, das mit traumhaftem Ausblick und angenehmer Thermik alle sofort in Sommerferienstimmung bringt. Richtig angekommen sind wohl die meisten erst Abends beim legendären Filet-Braai von Barry. Das zarte Stück Fleisch schmeckt gemäss Jörg, unserem Chefkoch der Gruppe, nach wildem Leben in freier Natur. Ein vielversprechender Vorgeschmack auf die nächsten zwei Wochen, wovon die Fleischliebhaber wohl noch lange schwärmen werden. Statt Kilos auf die Waage soll es allerdings vielmehr Stunden aufs Flugkonto geben. Dafür verschlägt es uns entlang der Garden Route nach Sedgefield. Die selbsternannte „first slow town“ Südafrikas bietet einen wunderschönen Thermikhang für morgendliche Ausflüge. Mirjam vollführt wohl die meisten Toplandungen, direkt gefolgt von ihrem unverkennbaren „signature“ Start in bester Adler-Manier. Das motiviert auch Barbara und alle „Jungs“, unzählige Male reinzulanden und wieder rauszustarten. Stefan testet seinen neuen Schirm ausgiebig, was ihm immer wieder ein Lachen ins Gesicht zaubert. Für unsere Newcomer Marco und Eike, sowie die spielfreudigen Lukas, Dävu, René und Fabian ist dazwischen Groundhandling-Training angesagt; Spass und Lernerfolg auf einen Schlag.

Unser Blick richtet sich zur Mittagszeit auf die Halbinsel Sedgefield, das Meer und die berühmte Paradise Ridge. Dahin wollen wir jeweils nachmittags. Lenz, Fabian und Ronnie gelingt das Kunststück, diese fliegerisch zu erreichen, notabene gegen die Meeresbrise. Ausgehend von verschiedenen Startplätzen toben sich alle stundenlang aus. Mal bei starken Bedingungen, wo Start-Skills oder Barrys „full service“ gefragt sind, mal bei schwächerem Wind, wo Wetten über top oder flop abgeschlossen werden und oftmals bei optimalem „Spielwetter“ für Ausflüge entlang der zwölf Kilometer langen Steilküste inklusive fliegenden Villenbesichtigungen, Wingover-Sessions über der Düne, touch-and-go’s im Sand oder Gras und natürlich Beachlandungen zur Abkühlung im Meer. Fast schon eine mystische Stimmung beschert uns passenderweise der 24. Dezember. Wie bestellt dreht der Wind abends genau so, dass wir nach einem ausgiebigen Flugtag fast mit der gesamten Truppe „um’s Eck“ in den Sonnenuntergang soaren und anschliessend direkt bei unserem Guesthouse auf der Wiese einschweben können. Was will man mehr zu Weihnachten?

Die Südafrika Rundreise belebt alle Sinne. Abgesehen vom Gleichgewicht, dass glücklicherweise alle ständig im Lot hielten, bieten sich uns täglich traumhaften Aussichten fürs Auge, prallen Steuerdruck in den Händen und aktivierende G-Kräfte auf den Körper, angenehmes Meeresrauschen und steigende Variotöne in den Ohren sowie eine Vielfalt an Geschmacks- und Geruchswelten. Dazu passt unser Samstag-Morgen-Brunch am traditionellen Farmers-Market, der uns die Qual der Wahl aus frischen Speisen und Getränken in allen Formen und Farben offenbart.

Nachdem alle so richtig eingegroovt waren, die Ruhepausen an den Startplätzen länger wurden und erster Verdacht auf Sitzflecken vom Gurtzeug aufkam, machen wir uns zum Ende des Trips auf den Weg nach Porterville. Die nord-süd-ausgerichtete Ridge verspricht Streckenflüge vom Feinsten aber wehe dem, der am „falschen“ Ort am Boden steht. Bei Temperaturen zwischen 35 und 40°C wartet eine staubtrockene, nur mit wenigen Bäumen versehene Fläche voller abgemähten Kornfeldern unerbittlich auf gestrandete Streckenjäger. Ein guter Soundtrack auf den Ohren hilft beim Marsch zum nächsten Schattenplatz. Das alles gehört zum heissen Spiel, das auf der Kehrseite täglich Flüge bis zu 80 Kilometer zulässt. Ob Richtung Norden und wieder zurück oder über den Pass ins Citrustal, es führen viele Wege zum Ziel. Entweder man schraubt sich hoch über die Kante oder man wählt die tiefere Line weiter Weg vom Gelände, hat dafür keinen Krampf im Oberarm. Lenz verschwindet immer zügig aus unserem Radar und wird fortan nur noch von locals gesichtet beziehungsweise bestaunt. Der orange Sigma fliege „sackstark“, wie ein „alter“ Drachenpilot eben. Martin schafft derweil seinen längsten und weitesten Flug, Barbara lässt sich auch von Stefan, Ronnie und Fabian nicht abhängen und Mirjam findet ihren Ausflug mit Werni und Co. „einfach nur wunderschön“. Nicht weniger begeistert sind Marco und Eike von ihren ersten Strecken weg vom Startplatz. Dävu macht sich eines Tages „klammheimlich“ aus dem Staub und taucht erst wieder im Hotel mit dem Gleitschirm auf dem Rücken und seiner Geschichte vom „speziellsten Flug ever“ wieder auf.

Bezeichnend für unsere diesjährige Weihnacht-Neujahrs-Reise verbringen wir Silvester statt auf einer rauschenden Party still staunend an einem dunklen Plätzchen unter dem atemberaubenden Sternenhimmel. Keiner braucht Feuerwerke, wenn er der Milchstrasse, dem Kreuz des Südens und dem Sichelmond so nah ist. Weil es dort so schön war, packen wir an Neujahr zum Sonnenuntergang lecker Essen und Drinks an denselben „secret spot“ und lassen vor rotorangem Horizont und über gold-schimmerndem Flachland unsere Gedanken fürs 2017 in die Ferne schweifen.

Danke allen für die wunderbare Zeit.

Text und Bilder: Ramona Fischer

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