XC-Camps Mittelitalien

27.10.2020

Das zur Zeit herrschende winterliche Herbstwetter lädt dazu ein, den Sommer Revue passieren zu lassen. Anstelle des Balkans erkundeten wir mit unseren XC-Camps attraktive Flugregionen in Mittelitalien vom nördlichen Apennin bis südlich von Rom. In den abwechslungsreichen Spots standen unter der Leitung von Michael Sigel, Federico Brown Manzone und Verena Siegl Theorieinputs bezüglich der Streckenflugplanung aus technischer, taktischer und meteorologischer Sicht auf dem Programm. Anschließend wurde gemeinsam versucht, die geplanten Routen und Dreieckskurse abzufliegen, wonach wiederum die Routenwahl und taktische Schlüsselstellen des Flugtages im De-Briefing des nächsten Morgens besprochen wurden.
Es kamen stattliche Zahlen an Streckenkilometern und Flugstunden zusammen, optische Highlights dank einer hohen Wolkenbasis oder goldenem Abendlicht, sowie schöne geteilte Erlebnisse und Geschichten; eingepackt in die Dolce vita Italiens und die gute lokale Küche eine schöne Zeit.


Meinrad Happacher war eine Woche dabei und hat einen detailreichen Reisebericht zum XC-Camp 2 verfasst:

Das XC Camp Mittelitalien 2 - war so eigentlich nicht geplant! Ursprünglich stand diese Reisewoche mit dem Merker „Krusevo/Mazedonien“ in meinem Kalender. Aber wie so oft in diesem Jahr machte der Corona-Virus auch in diesem Fall einen Strich durch die Rechnung. Kurzfristig poppte also die FlywithAndy-Team Mail auf mit der Nachricht: „Krusevo fällt aus!“ Als Ersatz stand nun eine XC-Woche in Mittelitalien auf dem Programm.

Und so stehen wir - ein ganzes FlywithAndy-Grüppchen - am 19. Juli morgens um 8.00 nicht am Check-in-Schalter am Zürcher Airport sondern an einem Nebenausgang des Luzerner Bahnhofs. Kurzerhand verpasst uns dort Chef Andy die Corona-Verhaltensregeln - Küssen und Umarmen während der Fahrt verboten ;-) - bevor er uns losschickt in Richtung Monfestino.
Gegen 14.00 treffen wir ein in Monfestino - ein reizender kleiner Ort am Nordrand des Apennins in der Nähe von Sestola, Provinz Modena. Nach einem kleinen Snack gehts zum Startplatz. Doch der Wind spielt nicht mehr recht mit: Der Wind an dem nach Osten ausgerichteten Startplatz erlaubt immer nur sehr kurze Startfenster und ist eher entspanntes Einfliegen mit einigen verlängerten Abgleitern angesagt.

2. Tag. Die Wetterprognosen lassen heute auf eine bessere Ausbeute hoffen. Es steht ein Dreieck von ca. 50 km auf dem Plan. Und tatsächlich, nach ein wenig Geduldsspiel ziehen die Bärte am Starthang durch. Federico macht sich mit der ersten Gruppe schon mal auf den Weg; Michel nimmt etwas später die zweite Gruppe unter seine Fittiche. Der herrliche Flug erlaubt uns einen wunderschönen Blick über die emilianische Ebene als auch den Apennin von Modena. Der zunehmende Ostwind macht es dann doch sehr anspruchsvoll, das Tagesziel zu erreichen: Michel´s Truppe gibt sich auf dem Rückweg dem 20er-Gegenwind geschlagen und übt sich in Außenlandungen. Federico landet nach erfolgreicher Tour wieder am Startplatz ein, kann es allerdings selbst nicht fassen, dass er seine Truppe schlicht und einfach aus den Augen verloren hat! Und Roli geht dann noch Tages-Champ in die Flugreise-Analen ein: er hat sich durchgebissen und das Dreieck gemeistert.

3.Tag. Es ist Weiterreise angesagt: Federico hat schon am Vorabend darauf spekuliert, dass der schwache Wind eventuell den Monte Cucco als nächstes Ziel freigibt. Und tatsächlich: Um 13.00 stehen wir in knapp 1200 m Höhe auf dem SW-Startplatz. Der Monte Cucco ist eigentlich ein Drachenflieger-Paradies, denn für uns Gleitschirmflieger ist der Wind meist zu stark. Doch Federicos Plan geht auf: heute passt der Wind perfekt! Und so fliegen wir ab 14.00 die Bergkette des Cucco in nördlicher Richtung ab, steigen bis ca. 2500 m hoch, genießen den Blick auf die imposante Bergkette und können nahezu alle Tagesstrecken von 40km+ auf dem Vario verbuchen.

4. Tag. Wir bleiben am Monte Cucco. Vreni, Federico und Michel geben einen anspruchsvollen Task vor: die Bergkette des Cucco nach Möglichkeit in nördlicher und anschließend in südlicher Richtung abfliegen: Gesamtstrecke 110 km. Ab 13.00 legen wir ambitioniert los. In Richtung Norden läuft’s auch anfangs wunderbar. Doch der nördliche Wendepunkt nach 30 km fordert mit den Tricki-Bedingungen seinen Tribut: Die ersten Außenlandungen sind auf dem Tracker zu verzeichnen. Doch einige beißen sich durch und lassen sich auch durch die schwächeren thermischen und zunehmend windigeren Bedingungen des südlichen Strecken-Abschnittes nicht aufhalten und landen um ca. 19.00 mit breitem Grinsen am Startplatz ein.
All die anderen Strecken-Opfer nutzen die tollen laminaren Bedingungen am Startplatz für abendliche Groundhandling-Sessions oder für Toplanding-Übungen - Reto dürfte dabei mit gefühlten 25 Toplandungen wohl in die Bergchronik des Monte Cucco eingehen ☺.

5. Tag. Die Windvorhersage treibt uns ein Fluggebiet weiter: Federico gibt Poggio Bustone als Ziel aus. Der Ort liegt 95 km nordöstlich von Rom am Nordrand des Hochtals Conca Di Rieti und ist umgeben von den Bergen der Reatinischen Abruzzen. Um 14.00 stehen wir startklar am Startplatz und drehen bei nicht ganz unanspruchsvoller Thermik zügig auf. Wir fliegen mit 2500 m Höhe Richtung Süden die Bergkette ab und trauen uns unter Michels Anleitung auch nach Osten an die höheren im Hinterland gelegenen Berge. Mit guter Höhe versuchen wir uns dann daran, gegen den auffrischenden Westwind wieder Richtung Start- und Landeplatz zu kämpfen – manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg. Und manchen gelingt es sogar, die Hügelkette Richtung Norden noch etwas abzufliegen, bevor wir uns dann alle wieder – die einen per Büsli, die anderen tatsächlich per Schirm am Landeplatz einfinden.

6.Tag. Der zunehmende Westwind treibt uns sprichwörtlich ein Flugziel weiter: Ins 67 km südöstlich von Rom gelegene Norma. Der Ort liegt oberhalb des steilen Südabhangs der Monti Lepini über der Pontinischen Ebene. Der Startplatz ist direkt am Ort gelegen, auf 450 Metern Höhe. In aller Regel herrschen hier – durch die Ebene zum Meer hin bedingt - sehr laminare Windverhältnisse. Wir müssen uns allerdings bis 16.00 gedulden, bis der nachlassende Wind einen herrlichen Abendflug freigibt. Wir machen uns auf, die Ridge zunächst nach Süden und anschließend auch noch nach Norden abzufliegen, was den meisten trotz des späten Starts noch schöne Streckenkilometer einbringt.

7. Tag. Auch heute haben wir es mit doch recht starkem Westwind zu tun. Und so brauchen wir etwas Geduld, bis wir nach 16.00 doch noch in die Luft kommen. Wir widmen uns wieder der Ridge Richtung Süden. Und Michel exerziert vor, wie man Strecke macht, ohne viel einzudrehen. Nach zwei Stunden nutzen viele den Startplatz um für eine kurze Pause einzulanden, um dann die Flugferien mit einem wunderschönen Sonnenuntergang über Norma ausklingen zu lassen.

Als Fazit lässt sich vielleicht ziehen: Nein, es war nicht wie eine Flugwoche in Krusevo, wo man sich eine Woche lang den Stecken-Varianten eines einzigen Riesentals verschreibt. Es war anders: Sich immer wieder auf ein neues Steckenfluggebiet einstellen, immer wieder neue landschaftliche Eindrücke gewinnen – und doch viele Strecken-Kilometer und Flugstunden zu sammeln. Ein sehr abwechslungsreiches und gelungenes Alternativ-Programm!

Text: Meinrad Happacher, Fotos: Michael Sigel, Verena Siegl, Federico Brown Manzone, Meinrad Happacher

© Developed by CommerceLab