Azoren Hoch

04.06.2017

Nicht nur das namens-gebende Azoren Hoch sorgt für die Bekanntheit der portugiesischen Inseln weit draussen im Atlantik, sondern es gibt wohl auch wenige in dieser Größenordnung, welche eine solch perfekte Kulisse für uns Gleitschirmflieger bieten, wie die Hauptinsel Sao Miguel. Nachdem sich irgendwann mal jemand dachte, er müsste dort Kühe ansiedeln und man zudem merkte, dass das Gras gut wächst, wurde die Insel damit nebenbei zu einer idealen Gleitschirmarena umgestaltet; es gibt viel Platz für zahlreiche Start- und Landeplätze – auch wenn man einige der Startplätze nicht auf den ersten Blick als solche erkennt, da sie ein kaum vorhandenes Gefälle aufweisen. Aber dafür gibt es reichlich davon!

Wir starteten den Kampf gegen die Erdanziehungskraft gleich an einem dieser berüchtigten Plätze: In Valados wurde schnell klar, wer ein etwas älteres und einfacheres Schirmmodell besitzt flog lange bis sehr lange dem Relief nach und es gab auch immer wieder „Einzelfälle“ die der Anziehung nicht entkamen und im saftigen Gras „hängenblieben“. Hätten wir einen guten Schirmverkäufer dabei gehabt, er hätte ein gutes Business starten können…

In der Luft aber offenbarte sich nach dem „Überschleichen“ der ersten Geländestufe sofort das grandiose Panorama, was das Fliegen dort so spektakulär macht. Eine klippenartige Küstenlinie, saftiges Grün, eingebettete Dörfchen und die allseits präsenten Kraterformen, mal mit grösserem oder auch kleinerem Durchmesser und mit oder ohne Wasserfüllung. Während einige die unglaubliche Aussicht aus der Luft stundenlang lokal genossen oder zum Toplanden zurück kamen, eröffnete sich schließlich die Challenge, den ca. 10 km entfernten Beach von Ribeira Grande zu erreichen. Andi, Thomas und Dirk zeigten schon beim ersten Flug, dass es funktionierte und somit war die Aufgabe in diesem Gebiet klar definiert. Auch in der zweiten Woche gab es keine Veränderung: Ziel war der Strand. Chantal die als „low-fly-thermik-queen“ auf den Azoren genau ihre Bedingungen fand, zeigte auch dort was alles möglich ist, obwohl es oft nicht rasend hoch geht. Geduld und Fingerspitzengefühl führen eben auch zum Ziel. Der Preis für den längsten Startlauf geht auf jeden Fall konkurrenzlos an Katrin, welche dank ihrer sportlichen Vergangenheit einen Sprint von ca. 300 m souverän durchzog. Auch das Alpha Team um Dominik und Cyril verfeinerte die Linienwahl merklich und sie zirkelten gekonnt durch die fast flachen Untiefen in Richtung steileres Gelände.

Die Lagoa do Fogo sollte in beiden Wochen eine zentrale Rolle spielen. Thomas handelte sich schon zu Beginn den Titel des Kraterkönigs ein. Ein kurzer schlechter thermischer Moment und er fand sich kurzerhand knapp über dem See tief in der Mitte des Kraters wieder. Nach zweimaligem Anlauf befreite er sich souverän aus dem „Gefängnis“ und sparte sich den drohenden Fussmarsch an den Kraterrand hoch. Ansonsten hatten wir wunderbare Flüge in dieser beeindruckenden Arena des Kraters. Jeder hatte seine Begegnungen mit den Azoren-Kumuli; hier kann man an, neben, zwischen und vor der Wolke auf- und herumdrehen, ein spielerisches Fliegen neben den Wolken in sanfter Thermik.

Pedreira, das ferne Ost-Ende der Insel. Während wir in der ersten Woche nur ein paar kurze Sightseeing-Kreise dort drehten, präsentierte sich der Platz in der zweiten Woche einen Tag als absoluter „Spaßhügel“ und ermöglichte stundenlang thermisches Fliegen zwischen den Cumuli bis an die Steilküste, Groundhandling und gemütliches Toplanden am und Soaring vor dem Startplatz. Kurz gesagt, auf kleinstem Raum alles, wonach ein Fliegerherz nur schlagen kann. Simon unternahm einen „Ausreissversuch“ in Richtung Riberia Grande, Chantal, Jörg, Olivia, Ronnie und Rolf schwebten am laufenden Band wieder am Grashügel ein und ahmten die Toplandefrequenz am San Fermo nach; auch Dominik startete einen Anflug – mit Live-Schaltung…

Generell waren die Taktiken die Wochen wieder ähnlich verteilt; Andi immer der Erste, streng nach dem Motto: einen Versuch ist es immer wert. Ebenso waren auch Claudio und Simon unterwegs, während andere noch mit dem Öffnen des Packsacks beschäftigt waren, drehten sie schon die ersten Kreise am Himmel. Christa und Chantal waren meist immer die letzten wieder am Boden.

Die Krönung einer Azoren Reise ist sicher der legendäre Flug am Krater rund um die Lagoa Azul. Dort bietet sich ein Blick über verschiedenste Kraterseen, welche alle in unterschiedlichen Farben leuchten, steile Hänge, die mit dichtestem Dschungel bewachsen sind, alles umrahmt von der nahen Küste und garniert mit feinster Thermik inklusive Cumulis, welche den Kraterrand oder auch das Innere schmücken.

In der ersten Woche wurden wir gleich ausgiebig mit diesen Bedingungen belohnt. Fliegen vom Allerfeinsten! Thomas hatte erst nach 5 Stunden genug, Serena sprengte seine übliche „Durchschnitts Flugzeit“ gewaltig, Irene erfüllte sich einen lang gehegten Traum und einige flogen den ganzen Kraterrand ab. Ruth und Ueli schossen wie die wilden an den Hängen entlang, Nika zeigte den Jungen wie viel Freude und Energie man noch in höherem Alter haben kann und jeder schwärmte von einem – wenn nicht dem schönsten Flug seiner Karriere. Selbst Dirk H. aus K., sonst eher ein emotionaler Eisklotz in Äusserungen über die Schönheit eines Fluges und dazugehöriger Landschaft, hatte hier deutlich erkennbar ein Lächeln um die Mundwinkel, als er in der Park-ähnlichen Landschaft sanft gen Boden schwebte….

Dazwischen hatten wir natürlich noch einen traumhaften Abendflug auf der Westseite, wobei dort Alice und Marco ihre Fähigkeit zum Thermikdrehen über flachem Gelände auspackten, in der zweiten Woche dort einen recht windigen „Zeitlupen-Sightseeing-Flug“ mit Dauer-Meer-Panorama und eine perfekte, wenn auch nah am “Limit”-Soaringsession anfangs der zweiten Tour am Santa Barbara Beach – Kosi und Manuel strahlten dank ihrer Premiere in dieser Disziplin. Wunderschöne Flugbedingungen, farbige Feste für die Sinne; mit all den satten Farben und speziell intensive Flüge machten die Reise zu einem besonderen Erlebnis.

Nicht zu vergessen, dass man jetzt die Azoren Küche als wirklich gut und exzellent bezeichnen muss, der Wetterbericht noch lang nicht recht hat, wenn er sagt es hätte Sonne oder eben keine – man kann auch getrost dem örtlichen Autohändler vertrauen, der öffnet alle Fenster und Türen seiner Wagenflotte oder eben bei Regen nicht, und einen die überall gegenwärtigen blühenden Hortensien und Lilien ständig an eine schön angelegte Parklandschaft erinnern. Wir waren auf jeden Fall alle begeistert, hatten eine gute Zeit und kommen nächstes Jahr sicher wieder.

Text: Michael Gebert
Fotos: Federico Kutscheidt, Michael Gebert, Verena Siegl

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