Litauen - und seine Schlepperbande

10.07.2018

Müsste man sich ein Rezept für eine perfekte fliegerische Flachlandwelt kreieren, so würde das in etwa wie folgt aussehen: Man nehme eine abwechslungsreiche Landschaft, mit Kornfeldern, trockenen Grasflächen, gespickt mit etwas Mais-, Hanf- und Bohnenfeldern, alles verpackt man in leicht geschwungene hügelige Formationen, dazu regelmässige kleine Wald- und Baumflächen einstreuen, zusätzlich sehr wichtig, die ungleichmässige Verteilung von Wasserflächen, trotzdem so viel Platz lassen, dass man praktisch überall landen kann und garniere das ganze mit putzigen „Pippi Langstrumpf“ Villen, schönen Cumuli und einem 10er Wind. Das ganze lasse man 10 Tage auf sich wirken und fertig ist die Beschreibung einer XC Reise in Litauen! Natürlich ist auch nicht jeder Tag perfekt, aber wenn - dann ist es perfekt! Da das ganze Land, ausser dem Fernsehturm in Vilnius, keine Erhebung hat die 100 m überschreitet, braucht es zum perfekten Rezept nur noch unsere Winden samt dem Team dazu.

Zum ersten Mal starteten wir dieses Jahr eine XC-Tour ins Herkunftsland unserer Winden und jene, die sich trauten mit uns das Land zu entdecken, haben es nicht bereut!

Nachdem wir gleich zu Beginn am Potential schnuppern konnten und die gedachte „Windeneinweisung“ damit endete, dass nach dem für die meisten ersten Schlepp, alle aufdrehten und verschwunden waren, schalteten wir eben auf Rückholung anstatt Windenkurs um...!
Sofort war klar woher der Wind weht; Sämi setzte wie immer mit dem Messer zwischen den Zähnen ein klares Zeichen gegen die starke „Konkurrenz“, landete erst nach einem knappen 100er und zeigte, was selbst an einem nicht perfekten Tag möglich ist.

Nun bekamen wir die Störungen in der Rezeptur zu spüren und der kalte Nordwind lies uns zu Plan B greifen: ein Ausflug ins benachbarte Lettland an die dortige Nordküste und an die gleichzeitig höchste Erhebung im Land - eine 20 m hohe Sandklippe. Ostsee-Soaring bei einer steifen skandinavischen Brise bis fast zur Mitternachtssonne. Landschaftlich extrem reizvoll, weiss man doch nicht ob man sich in Skandinavien, Russland oder einfach doch in Lettland befindet.

Zurück zum Schauplatz des Geschehens: Das der Schlüssel zum Flachlandfliegen meist in Geduld und einem feinen Händchen vergraben liegt, zeigten schon von Beginn an vor allem Regina, Dani und Thomas. Aber spätestens nach ein paar Tagen glaubten fast alle dran und zogen nach!
So gab es viele schöne und dramatische Geschichten. Stefan veränderte seine radikale low-safe Taktik fundamental. Er drehte nach den ersten Versuchen den letzten Schlauch nicht mehr in 2 m, sondern schon bei 20 m über dem Boden und wurde prompt mit einem schönen 100 km Flug belohnt! Pius, mit einer souveränen Abflugstatistik, bekam nach der Landung direkt ein Mittagsmenü von der Tochter des Bauern geliefert; die Unterhaltung erfolgte auf fliessendem Litauisch!

Nach kurzem „Warmfliegen“ im Flachen und seinen Spezialitäten zogen auch Pascal, Luzi und Urs auf und davon und fanden mehr und mehr Freude an dieser Disziplin des Fliegens.
Selbst die eingefleischte „Wallis“ Gang, bestehend aus Sepp und Ernst, fanden gefallen an dieser entspannten „berglosen“ Fliegerei und hatten - wie immer - den besten Riecher für das schnellste Erreichen der Bar nach der Landung.

Einzig Sämi wird wohl eher schlimmere Erinnerungen an die Reise haben und bis heute nicht gut schlafen können. Wir hoffen alle, dass Regina ihn einigermassen gut seelisch betreuen kann und es irgendwann wieder besser wird! Obwohl er mit dem Messer zwischen den Zähnen unterwegs war, passierte folgende grausame Geschichte: Nach der Landung gegen Ende der Reise musste er feststellen, dass Thomas 120 km geflogen war und er zwar direkt am Zapfhahn landete, aber eben 3 km kürzer! Eine Niederlage, die natürlich nagt und möglicherweise erst in Mazedonien wieder getilgt werden kann, wenn beide Gladiatoren abermals aufeinander treffen!
Ja, es gab auch wirklich ernste Situationen auf dieser Reise...!

Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine wirklich coole Reise in fliegerischem Neuland, mit einer sehr gut eingestimmten Gruppe, einem super Team aus der Parawinch Schmiede mit Gediminas, Egidijus und Eric, völlig unproblematischen Schlepps, Ausklinkhöhen von über 1000 m, speziell wenn Regina am Seil hing und einer wohl kaum schöneren Gegend um Flachlandfliegen entspannt geniessen zu können.

Wir sehen uns nächstes Jahr wieder!

Text: Michael Gebert, Fotos: Pascal Thalmann, Michael Gebert

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