Quixada - Interview mit Rekordpilot Lex Robé

18.11.2016

Der Urubu Austríaco: „Mir taugt das einfach“

Was aus seinem Mund einfach klingt, ist in Wirklichkeit prozessoptimierte Präzisionsarbeit basierend auf minutiöser Vorbereitung, getrieben von purer Leidenschaft und grossen Ambitionen. Alexander alias Lex Robé verbringt seine Zeit im Urlaub von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang am liebsten in der Luft. Dafür liefert Quixadá in Nordostbrasilien die konstant guten Bedingungen. Tagtäglich werden über 300 Kilometer geflogen und in den letzten Wochen war fast immer Lex unter diesen Piloten. Lex’ erste Reise nach Brasilien nimmt mit drei Flügen weit über 300 km Fahrt auf und gipfelt am Ende von zwei Wochen perfekt nach Drehbuch. 462 und 450 Kilometer machen Lex Robé zum Urubu Austriaco. So weit ist noch kein Österreicher geflogen. Der nächste Rekord nach seinem Sieg im weltweiten XContest 2015. Der Liezener erzählt uns nicht nur von seinen Rekordflügen sondern gibt persönliche Einblicke, die seine Erfolge durchaus logisch erscheinen lassen.

Fly with Andy: Lex, du fliegst zwei Tage nach deinem Rekordflug über 462,63 Kilometer gleich wieder knapp 450 km. Wie schaffst du das?
Lex Robé: Ich fliege einfach gerne. Nach meinem 12 Stunden Flug war ich nicht müde. Mir taugt jede Sekunde.

Du bist also ein Vielflieger?
Lex Robé: Nein, ich bin Gelegenheitsflieger. Normalerweise komme ich nicht mal auf 30 Flüge im Jahr, davon sind vielleicht 12-15 echte Streckenflüge. Quixadá ist jetzt eine Ausnahme. Wenn ich fliege, dann allerdings immer zwischen acht und zehn Stunden, teilweise zwölf.

In den Alpen landest du demnach nie unplanmässig früh?
Lex Robé: Sehr selten. Ich kenne die Stoderzinken-Route vor meiner Haustüre auswendig. Es gibt eine Schlüsselpassage ohne definierte Abrisskante. Da musst du früh am Tag Glück haben, dass du eine Thermik findest.

Glaubst du, dass es im Flachland mehr Glück braucht beim Streckenfliegen?
Lex Robé: Absolut. Du musst Triggerpunkte und Windversatz einschätzen. Dank den Instrumenten kann man das heute halbwegs sagen. Aber am Boden kann der Wind bis zu 15 Grad anders sein. Dann hat man vielleicht den Trigger richtig identifiziert, ist aber trotzdem an der Thermik vorbeigeflogen weil sie anders hochzieht. Das ist pures Glück. Das Allerwichtigste sind die ersten drei bis vier Thermiken des Tages. Wenn dann die Bedingungen besser werden und alles anfängt zu steigen, hat man gute Chancen, nicht zu landen.

Was ist deine Empfehlung für Nachahmer, die in den Sertão zum fliegen kommen?
Lex Robé: Rein flugtaktisch gesehen würde ich ab zehn, elf Uhr die Grundregel setzen, unter 800 Meter über Grund alles mitzunehmen, was man findet. Darunter gibt es keine Ausreden ala ‚den nehme ich jetzt nicht, weil da ein stärkerer Bart sein muss’. Das ist ein guter Anhaltspunkt für Neulinge im Flachland. Irgendwann zieht die Thermikblase durch und in der Zwischenzeit schiebt einen der Wind immer mit etwa 20 km/h weiter. Das Rezept ist auch super, um in der Komfortzone zu bleiben. Ansonsten ist man ständig gestresst.

Viel schneller ist man andernfalls auch nicht, oder?
Lex Robé: Man könnte schon schneller fliegen. Dabei ist aber das Risiko enorm, dass man nicht mehr schneller kann, weil man am Boden steht.

In Quixadá wird bei starkem Wind geflogen. Was gilt es dabei zu beachten?
Lex Robé: Erstens soll man sich nicht verunsichern lassen von Leuten, die einen Vorwand suchen, nicht starten zu müssen. Ich habe an meinem Rekordtag 30 km/h Wind gemessen mit Böen bis zu 40 km/h. Frühmorgens ist es noch nicht thermisch und weiter unten am Startplatz ist der Wind schwächer. Dementsprechend habe ich mich entschlossen, zu starten. Die Technik muss auf jeden Fall passen. Man muss dem Schirm nicht entgegengehen sondern entgegensprinten und sofort ausdrehen.

Bist du bei dieser Starterei in deiner Komfortzone oder am Limit?
Lex Robé: Ich bin hochkonzentriert. 80-90 Prozent habe ich unter Kontrolle und der Rest ist Glück. Damit meine ich, dass einen eine Böe erwischen kann, die den Schirm asymmetrisch zur Seite zieht. Und wenn man nicht ins Gurtzeug kommt, kann es ebenfalls kritisch werden.

Wo liegt die Grenze?
Lex Robé: Wenn man früh in den laminaren Wind startet liegt mein Limit bei 40 km/h Windgeschwindigkeit. Das traue ich mir zu. Ich kann meinen Schirm guten Gewissens vollbeschleunigt fliegen und über die Griffe an den B-Gurten stabilisieren. Es gibt Schirme, die vollbeschleunigt eher instabiler werden. Das braucht man in Bodennähe überhaupt nicht. Aber ein Chrigel Maurer bin ich nicht, der immer alles top auf den Punkt trifft. Es kann immer etwas passieren.

Es geht schliesslich nicht um alles.
Lex Robé: Nein nie, fliegen ist reiner Genuss. Wenn ich am Boden stehe, ist es sicher ärgerlich aber ich finde hundert andere Sachen, die mir Spass machen. Wobei fliegen mir mit Abstand am meisten taugt.

Was sagt denn deine Familie dazu?
Lex Robé: Meine Frau hat aufgehört selber zu fliegen und kommt noch ab und zu am Tandem mit, genauso wie meine Tochter. Bei mir ist die Leidenschaft viel grösser. Die Begeisterung am Streckenfliegen, neue Gebiete zu überfliegen, etwas zu lernen, Fehler zu analysieren, das ist genau mein Ding. Kontinuierliche Verbesserung und Qualitätsmanagement bringen mir viel.

Da liegt die Verbindung zu deinem Beruf.
Lex Robé: Genau, das bin typisch ich. Darum gehe ich auch gerne arbeiten. Weil ich weiss, wie man etwas angeht, damit es besser wird. Das zeigt sich auch im Paragleiten. Ich habe als ganz normaler Pilot angefangen und irgendetwas zusammengeflogen bis ich darüber nachgedacht habe, was ich besser machen kann. Dann kam das super Thermikbuch von Burkhard Martens und immer mehr Literatur. Ich strebe nach der stetigen Verbesserung.

Dein Wissen teilst du gerne auf deiner Homepage.
Lex Robé: Absolut. Egal ob für junge, unerfahrene Piloten oder Leute, die einfach gerne Geschichten lesen und Bilder anschauen. Meine ‚lessons learned’ sind für alle da. Genauso wie meine Vorträge, die ich zwei bis drei Mal im Jahr halte. Da geht’s zum Beispiel um Risikomanagement beim Fliegen.

Das ist auch hier ein Thema.
Lex Robé: Ja sicher. Die Thermik ist hier in Quixadá vom fliegerischen Anspruch her viel humaner im Vergleich zur Alpenthermik. Es gibt keine Wahnsinnsböller, heftige Turbulenzen und massive Störungen. Es geht halt mit etwa 4-5 m/s integriert hoch und dann wieder ebenso schnell runter. Dazwischen gibt es vielleicht mal Scherungen, die mit viel Luft unter dem Sitz leicht zu bewältigen sind. Ich fliege gern schnell und weit, wenn die Bedingungen ‚pipifein’ sind. Ich bin ein Rosinenpicker, ziehe nur die besten Tage raus.

Hast du am Morgen deines Rekordtages gespürt, dass es ‚der’ Tag wird?
Lex Robé: Gemerkt habe ich es zum ersten Mal, als ich bereits um 12:30 Uhr auf dem Plateau bei rund 200 km war. Normalerweise kommt man da etwa eine Stunde später an. Um halb drei war ich dann in Piripiri bei über 300 km. Das ist so ein klassisches Endziel für den Finalglide in den Sonnenuntergang. Trotzdem bin ich konservativ weitergeflogen, weil bei einem 30er Wind eine etwa um fünf km/h geringere Eigengeschwindigkeit relativ wenig Unterschied macht. Viel wichtiger ist ein effizientes Steigen. Das unterscheidet mich von Wettkampfpiloten, die eine kaltschnäutzigere Linie wählen. Ich habe einfach Spass am Fliegen und gehe kein unnötiges Absaufrisiko ein. Ansonsten steige ich aber schon gerne ins Gas.

Welches sind deiner Meinung nach die zuverlässigsten Triggerpunkte für eine Flachlandthermik?
Lex Robé: Die Lees kleiner Hügelchen, kleiner Kanten oder Ähnlichem, wo sich die heisse Luft schön sammeln kann. Wenn da der Wind ansteht, lösen sich Warmluftblasen zuverlässig. Das muss man wissen und diese Punkte natürlich hoch anfliegen, mindestens hundert Meter darüber. Wenn ich nicht sehr hoch bin und keine solchen Anhaltspunkte finde, fliege ich nach Schachbrettmuster. Ich suche möglichst viele Wechsel von hellem zu dunklem Untergrund. Die Rauchfahnen über abbrennenden Feldern zeigen dann perfekt die Bodenwindrichtung, die bis zu 30 Grad abweichen kann.

Wie oft hast du diese Taktik bei deinem Rekordflug benötigt?
Lex Robé: Gleich ganz am Anfang war ich gefühlsmässig noch 30 Meter über Grund, effektiv waren es etwa 80 Meter. In dieser Höhe schaut man zu den kleinen Felsen hinter dem Startplatz sogar hoch und denkt sich: ‚nicht schon wieder’. An der Stelle bin ich schon dreimal abgestanden. Ein Stossgebet später parkte ich da ein obwohl es wirklich windig war. So konnte ich aber nicht steigen und wagte mich deshalb vorsichtig ins Lee eines vorgelagerten Hügels, wo sich dann tatsächlich ein Warmluftpaket löste. Die Chance liess ich mir nicht entgehen. Das war die einzige Schlüsselstelle des Tages. Danach war ich fast immer hoch und ganz konservativ am drehen, drehen, drehen. Ohne Absaufrisiko. Auf meinem Cockpit klebt ein kleiner Zettel mit dem Zauberwort „Geduld“, damit ich auf jeden Fall in der Luft bleibe und schöne, lange Flüge habe.

Welcher Moment deines Rekordfluges bleibt dir am stärksten in Erinnerung?
Lex Robé: Von der Anspannung her ganz klar der Low-Safe zu Beginn, als Zweites immer der Start und zum Dritten das Ausgleiten in den Sonnenuntergang. Der Moment um 17 Uhr, wenn ich die Thermik nur deshalb verlasse, weil ich vor der Dunkelheit landen muss. Das ist gewaltig. Man spürt, dass die thermische Aktivität langsam zu Ende geht, die ganze Luftmasse scheint zu ‚tragen’, sodass mindestens die Hälfte des Eigensinkens weg ist. Ohne jegliche Turbulenzen und mit ein wenig Rückenwind fliegt man einfach nur der Sonne entgegen. Die Landung ist supersicher, da der Wind am Boden nur noch schwach ist.
(Hier geht’s zu den bebilderten Flugberichten: https://spark.adobe.com/page/SP7wgctZWuZGJ/ und https://spark.adobe.com/page/E8pLuJzYxokLZ/.)

Du hast den Tag von der ersten bis zur letzten Minute ausgekostet.
Lex Robé: Deshalb gehe ich so gerne Streckenfliegen. Mit der ersten Thermik raus, um sich in den Tag reinzufinden, ein bisschen ‚spielen’ bis die Thermik gut und stark wird und dann ab vier Uhr wieder alles sanft abklingt. Wenn man hingegen erst so gegen elf Uhr startet, fliegt man gleich in die aktivste Zeit rein, muss starten, Thermik finden, zentrieren und gleich von Null auf Hundert bereit sein. Durch das frühe Starten kann man deutlich Stress reduzieren und sich an die Bedingungen gewöhnen. So mag ich das.

Wie kannst du ohne viele Flugstunden auf solch hohem Level fliegen?
Lex Robé: Ich bin ein analytischer Mensch, informiere mich gerne und lese viel. Bei mir findet sehr viel mental statt. Ich gehe alle erdenklichen Situationen und Schirmpositionen im Kopf durch. Auch mithilfe von Videos im Internet visualisiere ich meine Reaktionen. G-Belastungen und Desorientierung sind keine Überraschungen mehr, wenn man sich das schon vor dem Störungsfall eingetrichtert hat. Vorbereitung ist alles, ich kann gar nicht anders, da mir die Zeit fehlt. Trotzdem will ich fit sein, für alles was in der Luft kommt. Absaufen kann jeder. Entweder man hat Pech gehabt oder war zu deppert. Ich will alles in meiner Macht stehende tun, damit es nicht an mir liegt. In jedem Flug lerne ich vier bis fünf Dinge, die mir für die Zukunft helfen.

Trotz deiner vielen Superflüge hast du noch nicht ausgelernt.
Lex Robé: Das Lernen hört nie auf. Deswegen taugt mir das Fliegen so, weil es so schön kompliziert ist.

Bist du mit dem Ziel hergekommen, 400 oder mehr Kilometer zu fliegen?
Lex Robé: Anfangs war es ein Traum, dann eine Hoffnung und bald ein Ziel. Ich war schon superhappy mit meinen 300ern in der ersten Woche. Dass mir am Ende 462 und 450 Kilometer Flüge gelangen, ist wahnsinnig. Der österreichische Rekord war davor bei 377 km vom Spitzenpiloten Bernhard Peßl. Er fliegt eigentlich besser als ich. Da hatte ich Glück, dass er letztes Jahr mit einem EN-B Schirm hier war. Mit meinem EN-D Schirm habe ich schon gewisse Vorteile wenn es nicht von A bis Z der absolute Hammertag ist.

Jetzt träumst du von mehr?
Lex Robé: Nein, ich habe hier alles erreicht, was ich mir wünschen konnte. Ich bin ganz relaxt und freue mich bald auf die grossen Dreiecke zu Hause am Stoderzinken.

Interview: Ramona Fischer
Bilder: Lex Robé

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